Leistungsbilanz

Was vom Überschuss übrig bleibt

Deutschlands Leistungsbilanz hat sich relativ unbemerkt von innen verändert. Der Nachfrageimpuls aus dem Außenhandel ist weit stärker gesunken, als die Gesamtzahl erkennen lässt. Ein Beitrag von Arno Gottschalk.

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In der Debatte über die anhaltende Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft wird inzwischen immer häufiger auf die Leistungsbilanz verwiesen. Die Überschüsse, über lange Zeit das Aushängeschild des deutschen Modells, gehen seit einigen Jahren zurück, und mit ihnen fällt ein Teil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage weg. Diese Diagnose ist richtig. Aber sie unterschätzt die Dimension des Problems, solange der Überschuss als unaufgegliederte Größe behandelt wird.

Wer ihn zerlegt, stößt auf einen Befund, der die Diagnose verschärft. Der produktionswirksame Kern des Überschusses, der Saldo im Warenhandel, erodiert bereits seit 2017 – und zwar weitaus stärker, als es der Gesamtsaldo zeigt. Verdeckt wurde diese Erosion durch den Aufstieg eines Postens, der in derselben Bilanz steht, aber eine andere Qualität besitzt: der Erträge aus dem deutschen Auslandsvermögen, in der Zahlungsbilanz als Primäreinkommen erfasst. Für die Frage, welche Nachfrage die Leistungsbilanz der deutschen Wirtschaft zuführt, ist dieser Unterschied entscheidend.

Die strukturelle Verschiebung über die Zeit

Die Bundesbank-Daten für die Jahre 2005 bis 2025 zeichnen ein eindeutiges Bild. Nominal liegt der Warenüberschuss nach einem zwischenzeitlichen Höhenflug nur noch wenig über dem Ausgangswert, bei 185 Milliarden im Jahr 2025 gegenüber 153 Milliarden Euro im Jahr 2005. Das Primäreinkommen hingegen hat sich im selben Zeitraum von 19 auf 161 Milliarden Euro mehr als verachtfacht.

Noch schärfer wird das Bild, wenn man die Inflation herausrechnet. In Preisen von 2025 lag der Warenüberschuss 2005 bei 228 Milliarden Euro und erreichte 2017 mit 324 Milliarden seinen Höchststand. Seither ist er auf 185 Milliarden gefallen – ein realer Rückgang um 43% gegenüber dem Höchststand und um fast ein Fünftel gegenüber dem Ausgangsjahr 2005. Das reale Primäreinkommen hat sich dagegen von 28 auf 161 Milliarden Euro fast versechsfacht.

Deutschland: Warenüberschuss und Primäreinkommen

Im Jahr 2005 stammten von dem positiven Saldo aus Waren und Primäreinkommen noch rund 89 Prozent aus dem Warenhandel. 20 Jahre später ist es nur noch gut die Hälfte. Beide Linien bewegen sich aufeinander zu, und im Krisenjahr 2022, als die Energiepreise den Warenüberschuss einbrechen ließen, lag das Primäreinkommen erstmals darüber. Auch wenn dies ein Sondereffekt war, haben die Jahre danach den Trend gleichwohl bestätigt.

Anteil des Primäreinkommens am Überschuss aus Waren und Primäreinkommen

 

Warum der Befund kaum aufgefallen ist

Dass eine Verschiebung dieses Ausmaßes zwei Jahrzehnte lang weitgehend unbemerkt bleiben konnte, hat einen einfachen Grund. Politik, Medien und ein großer Teil der ökonomischen Kommentierung schauen auf den Gesamtsaldo der Leistungsbilanz. Der blieb hoch, zeitweise so hoch wie in keinem anderen Land der Welt, und so hielt sich der Eindruck, Deutschland exportiere im Grunde wie eh und je. Über die Zusammensetzung des Saldos wurde und wird praktisch nie gesprochen.

Was dieser Blick verdeckt, zeigt die Zerlegung des Saldos im folgenden Schaubild. Die schwarze Linie, der Gesamtsaldo, hielt sich lange auf hohem Niveau. Sein Sinken konnte zunächst den Verwerfungen der Corona-Krise angelastet werden, danach dem signifikant wachsenden Defizit bei den Dienstleistungen und Sekundäreinkommen. Wenig oder gar nicht beachtet wurde dabei die Verschiebung innerhalb des Überschusses. Dieser wurde – über einen längerfristigen Wachstumstrend hinaus – gerade in den letzten Jahren zu einem immer größeren Teil von den orangefarbenen Balken der Vermögenserträge getragen, während die Warenüberschüsse (blaue Balken) zurückfielen. Der hohe Saldo stand am Ende auf einem signifikant anderen Fundament als zu Beginn.

Zusammensetzung des Leistungsbilanzsaldos

Was hinter dem Primäreinkommen steht

Das Primäreinkommen der Leistungsbilanz besteht überwiegend aus Vermögenseinkommen. Es umfasst Zinsen auf Auslandsforderungen, Dividenden ausländischer Beteiligungen und die einbehaltenen Gewinne ausländischer Tochterunternehmen deutscher Konzerne, dazu in geringem Umfang grenzüberschreitende Erwerbseinkommen.

Der Anstieg der Primäreinkommen ist kein Rätsel. Er ist die Kehrseite der Überschüsse vergangener Jahrzehnte, die sich zu einem Nettoauslandsvermögen von inzwischen 3,7 Billionen Euro aufgetürmt haben, gut 80% der jährlichen Wirtschaftsleistung. Dieses Vermögen wirft Erträge ab, und diese Erträge erscheinen Jahr für Jahr als Überschuss in der Leistungsbilanz.

Deutschland bezieht seinen außenwirtschaftlichen Überschuss also zunehmend aus einer Gläubigerposition und immer weniger aus laufender Produktion. In der Gesamtzahl der Leistungsbilanz ist dieser Übergang unsichtbar, weil der ein wachsender Posten das Schrumpfen des anderen über Jahre kaschiert hat.

Die ungleiche Nachfragewirkung

Für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sind die beiden Posten nicht gleichwertig. Ein Euro Warenüberschuss ist Entgelt für inländische Produktion. An ihm hängen Aufträge, Beschäftigung, Lohneinkommen und über die Löhne wiederum Konsum, mit allen Zweitrundeneffekten, die davon ausgehen.

Ein Euro Primäreinkommen entgilt dagegen keine laufende inländische Produktion. Er ist der Ertrag auf bereits vorhandenes Vermögen, und seine Nachfragewirkung ist wesentlich schwächer. Ein großer Teil dieser Erträge fließt gar nicht nach Deutschland. Die einbehaltenen Gewinne ausländischer Tochterunternehmen werden buchhalterisch als Einkommen erfasst und im selben Moment als Direktinvestition wieder im Ausland angelegt. Wie stark dieser Mechanismus wirkt, zeigen die Zahlen der Bundesbank für das Jahr 2024. Deutsche Investoren stockten ihr Beteiligungskapital an ausländischen Unternehmen um rund 60 Milliarden Euro auf, überwiegend über reinvestierte Gewinne. Neu zufließendes Kapital machte nur etwa ein Fünftel dieser Summe aus.

Die Bundesbank selbst hält für 2025 fest, dass der Zuwachs des deutschen Auslandsvermögens vor allem auf die Vermögenseinkommen zurückging, während die übrige Leistungsbilanz kaum noch dazu beitrug. Das Einkommen bleibt im Kreislauf des Auslandsvermögens und vermehrt es weiter, ohne die deutsche Wirtschaft zu berühren.

Hinzu kommt die Verteilungswirkung. Der Teil, der tatsächlich zufließt, kommt überwiegend Unternehmen und vermögenden Haushalten zugute, also Sektoren mit hoher Sparneigung. Von einem Euro Primäreinkommen kommt darum nur ein Bruchteil der Nachfragewirkung an, die ein Euro Warenüberschuss entfaltet.

Damit verschiebt sich die Diagnose. Der reale Leistungsbilanzüberschuss ist vom Höchststand 2016 bis 2025 um rund 45% gefallen, von 365 auf 202 Milliarden Euro in Preisen von 2025. Schon das ist ein erheblicher Nachfrageentzug. Rechnet man aber die Verschiebung in der Zusammensetzung hinzu, ist der Verlust an produktionswirksamer Nachfrage noch größer. Der Teil des Überschusses, der Fabriken auslastet und Löhne zahlt, hat sich seit 2017 real beinahe halbiert. Der Teil, der gewachsen ist, stabilisiert Vermögensbilanzen und Ausschüttungen, aber kaum die Auftragsbücher.

Das alte Modell trägt nicht mehr

Man kann diese Zahlen auch als Bilanz des deutschen Wachstumsmodells lesen. Über zwei Jahrzehnte hat die deutsche Wirtschaftspolitik darauf gesetzt, dass die Auslandsnachfrage ersetzt, was im Inland an Nachfrage fehlt. Lohnzurückhaltung, schwache öffentliche Investitionen und die Fixierung auf ausgeglichene Haushalte waren tragbar, solange der Rest der Welt die deutschen Produktionskapazitäten auslastete.

Diese Konstellation löst sich seit Jahren auf. Der Warenüberschuss schrumpft unter dem Druck der chinesischen Konkurrenz, die gerade in den deutschen Kernbranchen Fahrzeugbau und Maschinenbau vom Kunden zum Wettbewerber geworden ist. Hinzu kommen der amerikanische Protektionismus und eine dauerhaft verschlechterte Energiekostenposition. Nichts spricht dafür, dass sich diese Faktoren umkehren.

Was an seine Stelle tritt, ist der Ertrag des angesammelten Auslandsvermögens. Der Überschuss bleibt in der Statistik bestehen, aber er wechselt seinen Charakter. Aus dem Einkommen einer Exportnation wird das Einkommen einer Gläubigernation. Tragfähig ist dieser Zustand für die Vermögensbesitzer. Beschäftigung und Kapazitätsauslastung sichert er nicht.

Die Konsequenz heißt Binnennachfrage

Saldenmechanisch ist die Lage eindeutig. Wenn der Nachfragebeitrag des Auslands wegbricht und die private Investitionstätigkeit der Unternehmen schwach bleibt, kann die Lücke nur im Inland geschlossen werden. Das verlangt öffentliche Investitionen in einem Umfang, der dem tatsächlichen Rückstand bei Infrastruktur, Bildung, Wohnen und Klimaanpassung entspricht. Und es verlangt eine Lohnentwicklung, die die Konsumnachfrage wieder zur tragenden Säule macht.

Die Aufgliederung der Leistungsbilanz liefert für diese Position ein zusätzliches Argument, das in der bisherigen Debatte fehlt. Die Nachfrageschwäche aus dem Außenhandel ist kein Phänomen der letzten drei Jahre. Ihr produktionswirksamer Kern schwindet seit 2017, und die Gesamtzahl hat das lange verdeckt, weil Vermögenserträge die Lücke aufgefüllt haben.

Wer daraus den Schluss zieht, es müsse auf die Wiedergewinnung der alten produktionswirksamen Überschusshöhen bei den Waren hingearbeitet werden, übersieht gleich zweierlei: Aufgrund der stark gestiegenen Primäreinkommen müsste der Saldo insgesamt dann neue Rekordwerte erreichen, was für sich genommen eine Verschärfung außenwirtschaftlicher Ungleichgewichte bedeuten würde. Zudem müsste diese Rückkehr zu den alten Strukturen des Saldos in einem wirtschaftlichen Umfeld erfolgen, das sich durch einen gleichgerichteten und potenziell noch stärkeren Merkantilismus Chinas auf der einen Seite und eine protektionistische Reindustrialisierungsstrategie der USA auf der anderen Seite fundamental geändert hat.

Eine solche Strategie ist illusorisch und umso selbstschädigender, je länger an ihr festgehalten wird. Die Lücke, die der erodierende Warenüberschuss reißt, kann nur die Binnennachfrage schließen. Sie – in Deutschland und der EU – zu stärken, ist mehr denn je das Gebot der Stunde.

 

Zum Autor:

Arno Gottschalk ist Diplom-Ökonom und Finanzpolitischer Sprecher der SPD in der Bremischen Bürgerschaft.