Generationengerechtigkeit

Der Markt widerspricht der alarmistischen Betrachtung impliziter Staatsverschuldung

Die deutsche Staatsverschuldung wird oft als eine einseitige Belastung der jungen Generation gewertet. Dem ist aus zwei Gründen zu widersprechen. Ein Beitrag von Adalbert Winkler.

Die Fiskalpolitik steht derzeit im Mittelpunkt einer kontroversen Debatte. Im Vordergrund steht dabei die Frage, ob die junge Generation durch die hohe Staatsverschuldung von der alten Generation mit einer Nettoschuld belastet wird.  Dies ist schon bei expliziten Staatsschulden nicht der Fall.

Aber auch sogenannte implizite Staatsschulden aufgrund heute bereits gegebener Leistungsversprechen werden kritisiert und wegen ihrer Höhe als alarmierend bezeichnet, was regelmäßig eine hohe mediale Aufmerksamkeit erhält (Raffelhüschen et al. 2025). Erneut lautet der Vorwurf, dass die Politik massiv gegen die Generationengerechtigkeit verstößt (Hagist et al. 2026).

Diese Kritik widerspricht jedoch saldenmechanischen Grundsätzen. Denn auch für implizite Schulden gilt, dass ihnen stets exakt gleich hohe implizite Forderungen gegenüberstehen müssen. In einer geschlossenen Volkswirtschaft ist die die Summe aus impliziten Verbindlichkeiten und Forderungen Null.

Nur auf der einzelwirtschaftlichen und Sektorebene können die impliziten Verbindlichkeiten die impliziten Forderungen übersteigen und damit auch Solvenz gefährdend sein. Genau dies legen die Berechnungen für den Sektor Staat nahe, wenn die aktuellen Verhältnisse bei Staatseinnahmen und – ausgaben für die Zukunft fortgeschrieben werden. Der Kapitalmarkt kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis: Die hohe Bewertung deutscher Staatsschuldtitel zeigt, dass der Markt das Reinvermögen des Staates auch unter Berücksichtigung impliziter Größen als positiv und seine Solvenz als ungefährdet ansieht. Daraus folgt, dass die Fiskalpolitik nicht gegen die Generationengerechtigkeit verstößt.

Bilanzen mit expliziten Forderungen und Verbindlichkeiten

Es gehört zu den Grundsätzen der Buchführung, dass jeder Forderung eine Verbindlichkeit entsprechen muss. Daraus folgt, dass die Nettoschulden einer geschlossenen Volkswirtschaft Null sind. Die Bilanz der deutschen Volkswirtschaft (Tabelle 1) verdeutlicht dies. 2024 wiesen alle inländischen Sektoren explizite Forderungen in Höhe von 37,4 Billionen Euro auf, denen explizite Verbindlichkeiten von 33,7 Billionen Euro gegenüberstanden.

Tabelle 1: Die Bilanz der deutschen Volkswirtschaft Ende 2024

In Billionen Euro. a = Einschließlich Anteilsrechten, b = Nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften, c = Finanzielle Kapitalgesellschaften. Quelle: Deutsche Bundesbank und Statistisches Bundesamt (2025), eigene Berechnungen

Da sich Forderungen und Verbindlichkeiten innerhalb der Volkswirtschaft gegenseitig aufheben (Schmalwasser und Müller 2009), beträgt das Reinvermögen der Volkswirtschaft, das die alte der jungen Generation Ende 2024 hinterlassen hat, 27,2 Billionen Euro. Es besteht aus dem ausstehenden Sachkapitalbestand (23,5 Billionen Euro) und – weil Deutschland eine offene Volkswirtschaft ist – aus den Nettoauslandsforderungen (3,7 Billionen Euro).

Fokussiert man die Betrachtung auf den Staat, zeigt sich, dass er Ende des Jahres 2024 ein Reinvermögen von fast zwei Billionen Euro auswies (Tabelle 2). Die junge Generation erbt keinen Schuldenstaat (Winkler, 2025). Dieser Sachverhalt findet nur deshalb kaum Beachtung, weil in nahezu jedem Beitrag über die Staatsfinanzen allein die Schulden, nicht aber das Sach- und Geldvermögen thematisiert werden.

Tabelle 2: Die Bilanz des deutschen Staates Ende 2024

In Billionen Euro. Quelle: Deutsche Bundesbank, Statistisches Bundesamt, eigene Zusammenstellung

Buchhaltung und Bilanzen unter Einschluss impliziter Forderungen und Verbindlichkeiten

Die in Tabelle 2 wiedergegebene Bilanz erfasst keine „impliziten Staatsschulden“ in Form heute bereits gegebener Leistungsversprechen des Staates. Entsprechend wird argumentiert, dass sie ein zu positives Bild des staatlichen Reinvermögens zeichnet (Raffelhüschen et al. 2025, Hagist, Krieger und Seuffert 2026). Denn in Analogie zu privaten Unternehmen müssten für die Leistungsversprechen entsprechend hohe Rückstellungen gebildet werden. Da diese Versprechen gewaltig sind, bleiben die staatlichen Vermögenswerte auf der Aktivseite deutlich hinter der Summe der Verbindlichkeiten auf der Passivseite zurück (Tabelle 3): Der Staat hat nun ein negatives Reinvermögen und ist überschuldet, weil die alte Generation der jungen Generation ungedeckte Verbindlichkeiten hinterlässt. Eine generationengerechte Fiskalpolitik erfordert also große Konsolidierungsanstrengungen.

Tabelle 3: Die Bilanz des deutschen Staates Ende 2024

In Billionen Euro, mit impliziten Schulden. Quelle: Deutsche Bundesbank, Statistisches Bundesamt, eigene Zusammenstellung

Diese Schlussfolgerung basiert jedoch auf einer Missachtung saldenmechanischer Zusammenhänge. Denn auch bei impliziten Größen muss jeder Verbindlichkeit eine gleich hohe Forderung entsprechen. Hohen impliziten Staatsschulden gegenüber dem privaten Sektor stehen hohe implizite Forderungen des privaten Sektors an den Staat gegenüber: Die zukünftigen Rentner, Pensionäre und Kinder haben aufgrund der derzeit geltenden Gesetzgebung exakt jene Ansprüche an den Staat, die die impliziten Staatsschulden begründen. Bei Einbeziehung impliziter Verbindlichkeiten und (!) Forderungen (Tabelle 4) ändert sich am Reinvermögen der Volkswirtschaft insgesamt und damit am Erbe der jungen Generation nichts.

Tabelle 4: Die Bilanz der deutschen Volkswirtschaft Ende 2024

In Billionen Euro, inklusive der impliziten Verbindlichkeiten (Forderungen) des Staates (des privaten Sektors, hier: private Haushalte, an den Staat). a = Einschließlich Anteilsrechten. Quelle: Deutsche Bundesbank und Statistisches Bundesamt (2025), eigene Berechnungen.

Dies bedeutet nicht, dass implizite Forderungen und Verbindlichkeiten irrelevant sind. Denn wie explizite lösen auch implizite Forderungen und Verbindlichkeiten in der Zukunft einen Verteilungskonflikt aus: Die zukünftigen Steuerzahler sind aufgefordert, die impliziten Schulden des Staates gegenüber den Haltern der entsprechenden impliziten Forderungen an den Staat zu bedienen. Es ist Aufgabe der zukünftigen Generationen, diesen Verteilungskonflikt zu managen.

Der Verweis auf die Steuerzahler der Zukunft deutet darauf hin, dass der Staat nicht nur implizite Schulden, sondern auch implizite Forderungen hat. Sie bestehen in Form von Steuern, Gebühren und Sozialabgaben, die der Staat gegenüber dem privaten Sektor per Gesetz durchsetzen kann, und daher – im Gegensatz zu Unternehmen – weitgehend unabhängig vom Markterfolg der vom Staat produzierten öffentlichen Güter sind. Diese Forderungen sind ein zentraler Vermögenswert auf der Aktivseite der Staatsbilanz (Cecchetti und Hilscher 2024), der bisher ignoriert, für die Einschätzung der staatlichen Solvenz aber von großer Bedeutung ist.

Implizite Forderungen und Verbindlichkeiten des Staates und ihre Quantifizierung

Es stellt sich nun die Frage, ob und inwieweit der deutsche Staat seine Reinvermögensposition behält, wenn seine impliziten Verbindlichkeiten und (!) Forderungen berücksichtigt werden. Raffelhüschen et al. (2025) kommen auf Basis der Annahme, dass das aktuell geltende Status-quo-Szenario bei staatlichen Einnahmen und Ausgaben für alle Zukunft fortgeschrieben wird, zu dem Ergebnis, dass der Barwert der impliziten Nettoschulden 391,6% des BIP beträgt.

Diese Rechnung hat allerdings den Haken, dass sie nicht von der Zukunft, sondern von der Gegenwart (!) bestimmt wird. Da zudem Barwerte berechnet werden, können schon kleine Änderungen in der Gegenwart große Veränderungen der berechneten impliziten Nettoschulden auslösen.

Adäquat wäre es, die impliziten Nettoschulden des Staates zu berechnen, indem man alle in der Zukunft (!) eintretenden Ereignisse und die mit ihnen verbundenen fiskalischen Aspekte in die Berechnung mit einbezieht. Dies ist allerdings nicht möglich, weil diese Ereignisse nicht vorhersehbar sind. Dazu zählen innen- und geopolitische Entwicklungen, vor allem in Form bewaffneter Auseinandersetzungen, makroökonomische Faktoren wie zum Beispiel reales Wachstum, Inflation und Zins, aber auch Steuer-, Sozialbeitrags- und andere Rechtsänderungen. Zudem müssten Verhaltensänderungen berücksichtigt werden, die die Höhe der impliziten Forderungen und Verbindlichkeiten beeinflussen können. Vor diesem Hintergrund verzichtet das Statistischen Bundesamt darauf, implizite Verbindlichkeiten und Forderungen in der Bilanz des Staatssektors zu erfassen (Haug 2018).

Der Kapitalmarkt als Instrument zur Einschätzung der Höhe impliziter Forderungen und Verbindlichkeiten

Es besteht allerdings eine weitere Möglichkeit, die Reinvermögensposition des Staates einschließlich seiner impliziten Forderungen und Verbindlichkeiten einzuschätzen. Sie beruht auf den Signalen, die der Kapitalmarkt sendet. Denn die Kreditgeber beschäftigen sich mit nichts anderem als mit der Beurteilung der Reinvermögensposition ihrer Schuldner, die auf der Basis von Erwartungen über die Entwicklung zukünftiger Einnahmen und Ausgaben erfolgt.

Entsprechend wird den Kapitalmärkten auch eine wichtige „Disziplinierungsfunktion“, nicht nur, aber eben auch für den Schuldner Staat zugeschrieben. Hohe bzw. steigende implizite Nettoverbindlichkeiten sollten also zu einer Erosion der Kreditwürdigkeit des Staates führen, die sich in höheren Zinsen, einem schlechteren Kreditrating und/oder in Problemen des Staates, seine Schuldtitel zu verkaufen, niederschlägt.

Keines dieser Phänomene ist für deutsche Staatsschuldtitel zu beobachten. Im Gegenteil: Trotz der steigenden Kreditaufnahme werden deutsche Staatsschuldtitel nach wie vor als sicherer Hafen angesehen sowie in hohem Maße bei weiterhin niedrigen Zinsen nachgefragt. Folglich bewertet der Markt die Reinvermögensposition des Staates als positiv, so dass der deutsche Staat auch bei Berücksichtigung der impliziten Forderungen und Verbindlichkeiten nicht als überschuldet gelten kann. Daran ändert auch der Zinsanstieg seit Beginn der Irankriegs nichts, da dieser vor allem die Furcht vor steigender Inflation widerspiegelt. Diese Sorge teilen Kreditgeber in aller Welt, so dass die Nominalzinsen für praktisch alle Schuldtitel gestiegen sind.

Es existiert also ein fundamentaler Widerspruch zwischen dem Markt, der den Staat als solvent ausweist, und der auf der Basis von Gegenwartswerten ermittelten impliziten Nettoschulden des Staates, die ihn als hoch insolvent erscheinen lassen. Entweder sind die Berechnungen über die impliziten Nettoschulden falsch, oder die Kapitalmärkte sind ungeeignet, deutsche Staatsanleihen richtig zu bepreisen. Letzteres würde aber einer „Anmaßung von Wissen“ (Hayek 1974) entsprechen, die mit marktwirtschaftlichen Prinzipien unvereinbar ist.

Schlussfolgerungen

Die deutsche Staatsverschuldung wird oft als eine einseitige Belastung der jungen Generation und daher als Verstoß gegen die Generationengerechtigkeit gewertet. Dies gilt vor allem dann, wenn die impliziten Staatsschulden des Staates berücksichtigt werden.

Dieser Bewertung ist aus zwei Gründen zu widersprechen. Erstens fußt sie auf einer Missachtung saldenmechanischer Grundsätze. Zweitens ist die Höhe der impliziten Forderungen und Verbindlichkeiten des Staates unklar, weil sie von vielen unwägbaren Faktoren abhängt.

Berücksichtigt man allerdings die Signale der Kapitalmärkte, die die Solvenz des Staates – so wie die jedes anderen Schuldners – beurteilen, deuten die niedrigen Zinsen, die der deutsche Staat im Vergleich zu anderen, privaten wie öffentlichen Schuldnern, auf seine Schuldtitel zu zahlen hat, gerade aus marktwirtschaftlicher Sicht darauf hin, dass der deutsche Staat auch unter Einschluss der impliziten Forderungen und Verbindlichkeiten ein positives Reinvermögen aufweist. Von daher ist der Vorwurf, die Fiskalpolitik bevorzuge die derzeit lebende ältere Generation, indem sie explizite und implizite Schulden mache, zurückzuweisen.

 

Zum Autor:

Adalbert Winkler ist Professor of International and Development Finance an der Frankfurt School of Finance & Management.