Ungleichheit

Warum auch Reiche für Vermögenssteuern werben sollten

Die Schicht der Super-Reichen hat keine guten Argumente gegen eine höhere Besteuerung – aber sie hat Macht, die sie aggressiv einsetzt. Dabei sollten auch Vermögende ein Interesse an einer gerechteren Verteilung haben. Ein Beitrag von Gerd Hofielen.

Bild: KI-generierte Illustration (ChatGPT / DALL·E, OpenAI); keine reale Aufnahme

Menschen mit gewaltigen Vermögen nehmen Einfluss auf die Politik und schaffen Gesetze, die ihre Interessen und die ihrer Unternehmen bedienen. Sie bezahlen prozentual gesehen geringere Steuern auf ihr Einkommen als Menschen in Lohnarbeit. Weshalb gibt es überhaupt eine Debatte über Erbschafts- und Vermögenssteuer mit den Super-Reichen? Warum erkennen sie diese Schieflage nicht und wirken an einem Ausgleich mit?

Die Schicht der Super-Reichen hat keine guten Argumente, aber sie hat Macht. Und die aggressivsten unter ihnen setzen diese Macht rücksichtslos ein. Sie bedrohen Regierungen mit Abwanderung, sobald die es wagen, an eine Milliardärs-Steuer zu denken. Henrik Andersen, der CEO von Vestas, will seinen Wohnsitz außerhalb Dänemarks verlegen, wenn eine Steuer von 0,5% auf Vermögen größer drei Millionen Dänische Kronen erhoben wird. Bei ca. 400.000 Euro Vermögen macht das 2.000 Euro. Sergey Brin und Larry Page, die Google Gründer, sind aus Kalifornien weggezogen, weil eine Gesetzesinitiative auf Vermögen von mehr als eine Milliarde US-Doller eine einmalige Steuer von 5% erheben will.

Auch viele Millionäre befürwortet eine Reichensteuer

Es sind nur die besonders gierigen Exemplare der Gattung, die tatsächlich abwandern, aber sie werden von Lobbyisten und der den Milliardären nahestehenden Presse als Mehrheit herausgestellt. Die Beobachtung des realen Verhaltens zeigt, dass das nicht stimmt. Abgesehen davon wird ein Wegzug beispielsweise in Deutschland ohnehin mit einer Wegzugs-Steuer belegt.

Die aggressivsten Milliardäre setzen die Macht ihrer Lobbyisten ein, um Gesetzesvorhaben zu verhindern. Medien, die ihnen gehören, verbreiten die Mär vom Trickle Down-Effekt, die bei Menschen mit Sachverstand nicht greift, aber durchaus noch zur Irreführung von Menschen, die mit der Materie nicht eng befasst sind, funktioniert.

Was weniger bekannt ist und in der öffentlichen Diskussion nicht zur Kenntnis genommen wird: Die Mehrheit der Millionäre befürwortet eine Reichensteuer. So ergab etwa eine Befragung von Millionären in Großbritannien durch die Initiative Patriotic Millionaires Mitte 2025, dass 80% von ihnen der Meinung sind, dass Menschen mit einem Vermögen oberhalb von zehn Millionen Pfund eine jährliche Vermögenssteuer von 2% zahlen sollten, also bei z.B. 10 Millionen Pfund Vermögen eine jährliche Steuer von 200.000 Pfund. Als Gründe führen sie soziale Gerechtigkeit an, lehnen den übermächtigen Einfluss der Reichen auf die Politik ab und wollen die Besteuerung von Vermögen der Besteuerung von Lohneinkommen angleichen. Das zeigt: Die Mehrheit ist guten Willens, aber eine Minderheit hält an ihren Privilegien fest.

Warum aber gibt es innerhalb der Schicht der Milliardäre und Millionäre Menschen, die besonders stark auf ihren Reichtum und die damit verbundenen Privilegien pochen, ihre Interessen aggressiv vertreten und deshalb in der Öffentlichkeit auch am deutlichsten wahrgenommen werden?

Die psychologische Dynamik von irrationalen Leidenschaften

Zunächst ist da der Besitzstand, an den man sich, egal wie privilegiert die Lebenslage ist, gerne gewöhnt. Der Besitzstand verleiht gesellschaftlichen Status und Einfluss. Es entsteht eine Anspruchshaltung, die im Bewusstsein der Milliardäre leicht gerechtfertigt werden kann. Man habe es verdient, man habe es sich erarbeitet, es sei persönlicher Fortune und Talenten zu verdanken, man habe eine Familientradition fortzuführen etc. Wahrscheinlicher ist, dass man sich an Status und Komfort schlicht gewöhnt hat und dies ohne großes Nachdenken als selbstverständlich genommen wird. Es gibt auch den Wunsch, zu dieser Gruppe dazugehören zu wollen – es verleiht das Lebensgefühl, etwas Besonderes zu sein.

Menschen vergleichen sich mit anderen. Das ist bei Menschen, die selbst scheinbar alles haben, nicht anders. Meistens hat irgendjemand mehr Besitz, Renommee, Einfluss oder etwas Schönes, das begehrenswert ist, und das man haben will. Durch diese Lebenshaltung des „Immer-mehr-Haben-Wollens“ sind sie reich geworden bzw. bleiben sie reich.

Die zutreffende psychologische Kategorie ist Gier. Der Sozialpsychologe Erich Fromm bezeichnet Gier als eine irrationale Leidenschaft. Psychologische und physische Bedürfnisse kennen einen Punkt, an dem sie befriedigt sind, zumindest vorübergehend. Irrationale Leidenschaften sind dadurch gekennzeichnet, dass sie diesen Punkt nicht kennen, sie sind maßlos.

Die psychologische Dynamik von irrationalen Leidenschaften ist vergleichbar mit einer Sucht. Die Sucht ist gekennzeichnet durch die physisch-psychische Abhängigkeit von einer Substanz, z.B. Alkohol. Auch Süchte kennen keinen Punkt der Befriedigung, nur Erschöpfung; die Gier sucht nach immer mehr von der Substanz. Bei irrationalen Leidenschaften sind die Substanzen der Abhängigkeit Ruhm, Reichtum oder Macht. Körperliche Grenzen werden auf dem Trip der Gier oft überschritten und Drogen, die von Substanzen abhängig machen, werden zur Verstärkung verwendet. Grenzen des Anstands, der Legitimität oder der Legalität stehen bei von Sucht und Gier getriebenem Verhalten zur Disposition.

Steven M. Taylor erklärt in seinem Buch The Fall die psychologische Dynamik von Reichen mit einem Gefühl der Trennung von anderen: Manche Menschen erleben einen Zustand intensiver psychischer Trennung. Sie fühlen sich von anderen Menschen und der Welt abgekoppelt, was mit einem Mangel an Empathie oder emotionaler Verbundenheit einhergehen kann.

Eine Auswirkung dieses Zustands der Trennung ist ein Gefühl psychischer Unvollständigkeit. Dies wiederum erzeugt den Drang, Reichtum, Status und Macht anzuhäufen, um diesen Mangel auszugleichen. Menschen, die sich mit anderen und der Welt verbunden fühlen, entwickeln kein Gefühl der Unvollständigkeit und neigen daher nicht zu einem starken Verlangen nach Macht oder Reichtum. Gleichzeitig kann ein Mangel an Empathie den Weg zum Erfolg erleichtern. Denn man kann beim Streben nach Reichtum rücksichtslos vorgehen und andere manipulieren und ausbeuten. Wenn andere Menschen unter den Folgen dieser Handlungen leiden, kümmert das nicht sonderlich.

Das Gefühl des Getrenntseins hat also zwei sich gegenseitig verstärkende Auswirkungen: Sie erzeugt ein starkes Verlangen nach Reichtum und Status, gepaart mit der Rücksichtslosigkeit, die Reichtum und Erfolg leichter erreichbar macht.

Warum Gier systemkonform ist

Die sozialökonomische Analyse unterstützt die sozialpsychologische Sicht. In der marktwirtschaftlichen Ordnung ist jeder Mensch ein Einzelwesen, das für sein Leben und seinen Erfolg selbst verantwortlich ist. Die Trennung von anderen ist die Ausgangs-Situation. Alle Menschen (das gilt auch für alle Unternehmen) sind einer existenziellen Abhängigkeit von anderen ausgesetzt. Von dieser Basis ausgehend muss der Kontakt mit anderen Menschen hergestellt werden. Wie erfolgreich die Verbindung mit anderen gelingt, hängt von der sozialen Situation und persönlichen Eigenschaften ab. Unsicherheit ist eine Lebenstatsache. Und um diese Unsicherheit in Beziehungen zu überbrücken, greifen manche Menschen und Unternehmen zu Machtmitteln und häufen Besitz an.

Besitz ist eine Basis für die Ausübung von Macht. Besitz hat die Qualität, von persönlichen Eigenschaften weitgehend unabhängig zu sein; das Vermögen steckt in Sachen und nicht in der Person. Wer sich seiner persönlichen Talente nicht so sicher ist, oder wer davon ausgeht, dass Talente vergänglich sind, findet im Besitz eine Zeit überdauernde Form der Sicherheit. Die persönliche soziale Lage und die der wichtigen Nächsten (Familie, Clan, Insidergruppe) kann mit Besitz langfristig gesichert werden.

Es gibt in der kapitalistischen Marktwirtschaft noch ein weiteres ökonomisches Prinzip, das den Erwerb von Besitz wünschenswert macht: der Wettbewerb. Jede Einheit (ob Unternehmen oder Mensch) ist von der anderen abhängig und alle stehen in einem Konkurrenz-Verhältnis zueinander: Wer Kunden am schnellsten, am preiswertesten, mit der besten Qualität und dem neuesten Design bedienen kann, macht das Rennen.

Ein Unternehmen kann in diesem Rennen in Nachteil geraten und letztendlich seine Existenz aufs Spiel setzen. Daher ist das Streben nach dem größtmöglichen Profit systemimmanent angelegt. Eine Haltung, die von maßlosem Streben nach Profit, Besitz und Macht motiviert ist, wird also innerhalb des kapitalistischen Systems belohnt. Die Belohnung ist mehr Profit, mehr Besitz und mehr Macht. Daher ist Gier systemkonform.

Der Staat muss für ein Level Playing Field sorgen

Dieser System-Logik können sich Eigentümer:innen von Unternehmen nur mit großer Energie entziehen. Dies gelingt nur, wenn sie eine Haltung leben, die Menschen- und Natur-Freundlichkeit höher gewichtet als materiellen Erfolg. Die Überwindung dieser System-Logik in individueller Initiative kann Vorbild sein und Inseln schaffen, in denen eine Menschen- und Natur-freundliche Ethik gilt.

Zum Ausstieg aus dieser System-Logik reicht es nicht. Nur wenn der Staat regulierend mit Steuern eingreift, ist eine system-ändernde Perspektive möglich. Die Vermögens- und Erbschaftssteuer stellt für alle Steuerzahler:innen eine Annäherung an ein Level Playing Field her. Es ist für Milliardäre und Millionäre angemessen, für diese Steuern zu werben, denn damit werden soziale Schieflagen und Ungerechtigkeiten beseitigt, von denen sie bisher profitieren.

Es ist in Deutschland leichter, mit unternehmerischer Initiative reich zu werden als in Burkina Faso. Nationale Alleingänge sind bei Vermögenssteuern sinnvoll, denn dadurch wird es möglich, z.B. Lohn-Einkommen steuerlich zu entlasten, womit der Standort Deutschland wieder attraktiver werden kann, was wiederum nützlich für die Unternehmen ist. Deshalb trägt auch das oft vorgebrachte (Verzögerungs-)Argument nicht, laut dem Vermögenssteuern nur international koordiniert oder gar nicht eingeführt werden dürften.

Für die Besteuerung von Vermögen spricht ohnehin, dass die Reichtums-Zuwächse nicht allein dem Geschick der Vermögenden zu verdanken sind, sondern eng mit der Prosperität der gesamten Gesellschaft zusammenhängen. Das Bildungsniveau, der Gesundheitszustand, die soziale Sicherung, die Rechtssicherheit, die Verteidigungsfähigkeit, die Vitalität der Zivilgesellschaft und das kulturelle Niveau sind in vielerlei Hinsicht abhängig von einem funktionierenden und leistungsfähigen Staat, der wiederum mit einer fairen Besteuerung aller Bevölkerungsschichten an Legitimität gewinnt.

Selbst ist der (Super-)Reiche

Es geht bei der Erbschafts- und bei der Vermögenssteuer nicht um radikale Gleichheit oder Nivellierung der Lebensbedingungen, sondern um das Außer-Kraft-Setzen der Spirale, die Reiche immer reicher macht und zu einer strukturellen Ungleichheit von Lebenschancen führt. Mit individuellen Kräften sind ungleiche Ausgangschancen nur bedingt und selten zu überwinden. Wenn weiterhin der Großteil der Menschen von fairen Lebenschancen ausgeschlossen bleibt, verliert die gesamte Gesellschaft, weil Menschen sich weniger für gemeinsame Aufgaben einsetzen und sich auf egoistisches Verhalten zurückziehen. Zudem werden die Talente vieler Menschen nicht erkannt und nicht entwickelt, was die Leistungsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft schmälert.

Solange es keine staatliche Regulierung von Vermögenszuwächsen gibt, sollten ethisch motivierte Milliardäre und Millionäre Akteure unterstützen, die diese Anliegen aktiv vorantreiben. Dazu zählen beispielsweise Lobbyinitiativen wie TaxMeNow, Millionaires for Humanity (wo ich Mitglied bin) oder Patriotic Millionaires. Noch besser wäre es, sie würden in Eigeninitiative einen Betrag, der einer fairen Reichensteuer entspricht, progressiven Initiativen der Zivilgesellschaft zukommen lassen – und darüber sprechen!

 

Zum Autor:

Gerd Hofielen wirbt mit der Organisation Millionairs for Humanity für eine Besteuerung großer Vermögen und Erbschaften. Er ist derzeit Geschäftsführer der ethisch orientierten Unternehmensberatung Humanistic Management Practices. Hofielen ist Selfmade Millionär und hat sein eigenes Vermögen bereits zu großen Teilen gemeinnützigen Organisationen gespendet.