Die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gilt als zentrale Voraussetzung für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand. In einer entwickelten Volkswirtschaft ist sie der zentrale Treiber für Produktivitätsfortschritte, strukturellen Wandel und langfristiges Wachstum.
Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse der jüngst von der Bertelsmann Stiftung veröffentlichten Studie „Innovative Milieus 2026“ von besonderer Bedeutung. Die Studie belegt nicht nur, dass sich die Innovationsdynamik in der deutschen Unternehmenslandschaft seit 2018 kontinuierlich abschwächt. Sie zeigt auch, dass aktuell mehrere strukturelle Verschiebungen im unternehmensgeprägten Teil des deutschen Innovationssystems stattfinden.
Diese Entwicklungen sind vor allem deshalb relevant, weil sie nicht nur einzelne Kennzahlen betreffen, sondern das Zusammenspiel von Unternehmen, Technologien und institutionellen Rahmenbedingungen. Denn Innovation ist kein isolierter Prozess. Sie ist ein systemisches Phänomen, dessen Dynamik von der Breite der Beteiligung, der Qualität der Interaktion und der Fähigkeit zur Anpassung bestimmt wird – jedes einzelnen Unternehmens und in der Unternehmenslandschaft insgesamt. In diesem Sinne will die Studie als Beitrag zur Debatte über die Leistungsfähigkeit des deutschen Innovationssystems gelesen werden.
Die Studie „Innovative Milieus 2026“ untersucht die Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen auf systematische und vergleichbare Weise. Ziel ist es nicht, einzelne Innovationsprojekte zu bewerten, sondern strukturelle Muster unternehmerischer Innovationsfähigkeit sichtbar zu machen – und deren Veränderung im Zeitverlauf zu analysieren. Mit der dritten Erhebungswelle im Jahr 2026 steht erstmals ein konsistenter Vergleich über drei Messzeitpunkte hinweg zur Verfügung (2019, 2023, 2026).
Die empirische Basis bildet das IW-Zukunftspanel. 1.146 Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe und industrienahen Dienstleistungsbranchen wurden befragt. Die Fragen werden gezielt an Mitglieder der Geschäftsleitung gerichtet, um strategisch fundierte Einschätzungen zu Innovationsaktivitäten, Organisationsstrukturen und Wettbewerbsbedingungen zu erhalten.
Im Kern lassen sich aus der Studie „Innovative Milieus 2026“ vier Entwicklungen klar herauslesen:
Schrumpfende innovationsstarke Spitze: Die Studie verfolgt einen differenzierten Ansatz, indem sie Unternehmen in sogenannte „Innovative Milieus“ einordnet. Diese unterscheiden sich nach innovativem Erfolg, strategischer Verankerung von Innovation, technologischer Orientierung, organisatorischer Umsetzung und weiteren Kriterien. Innovation wird damit nicht als isolierter Output, sondern als strukturell eingebetteter Prozess verstanden.
Zentral ist die Beobachtung, dass die innovationsstarke Spitze – insbesondere Technologieführer und forschungsorientierte Innovatoren – im Zeitverlauf kleiner wird. Der Anteil der innovationsstarken Unternehmen ist seit 2019 kontinuierlich gesunken: 2026 gehören nur noch 13% der Unternehmen zu den Leader-Milieus. 2019 lag dieser Anteil noch bei rund einem Viertel der Unternehmen.
Aus ökonomischer Perspektive deutet dies auf eine zunehmende Konzentration von Innovationsaktivitäten hin. Diese Entwicklung ist konsistent mit Befunden aus der internationalen Forschung zu sogenannten „Superstar Firms“, bei denen sich Produktivitäts- und Innovationsgewinne auf eine kleine Gruppe von Unternehmen konzentrieren.
Eine solche Konzentration kann kurzfristig Effizienzvorteile bringen, birgt jedoch langfristig Risiken. Innovationsdynamik entsteht nicht allein durch Spitzenunternehmen, sondern durch ihre Diffusion in die Breite. Wenn diese Diffusion schwächer wird, sinkt die gesamtwirtschaftliche Anpassungsfähigkeit. Gleichzeitig erhöht sich die Abhängigkeit von einzelnen Akteuren, was das Innovationssystem anfälliger für externe Schocks macht. Damit stellt sich auch die Frage nach der Robustheit und Resilienz des Systems insgesamt.
Wachsende innovationsschwache Basis: Parallel dazu wächst der Anteil der Unternehmen, in denen Innovation keine zentrale strategische Rolle spielt. Diese Unternehmen führen seltener neue Produkte oder Prozesse ein und investieren weniger systematisch in technologische Weiterentwicklung.
Aus innovationsökonomischer Sicht ist dies besonders relevant, da Diffusionsprozesse ein zentraler Mechanismus für Produktivitätswachstum sind. Wenn ein wachsender Teil der Unternehmen nicht aktiv an Innovationsprozessen teilnimmt, verlangsamt sich dieser Mechanismus.
Die Befunde lassen sich als zunehmende Dualisierung interpretieren: Während ein Teil der Unternehmen technologisch voranschreitet, bleibt ein wachsender Teil zurück. Empirisch wird ein solcher Prozess häufig mit steigender Produktivitätsstreuung und einer Abschwächung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums in Verbindung gebracht. In diesem Sinne ist die beobachtete Entwicklung nicht nur ein mikroökonomisches, sondern ein makroökonomisches Problem.
Darüber hinaus hat eine solche Entwicklung auch Implikationen für die Wettbewerbsstruktur. Wenn Innovation auf wenige Unternehmen konzentriert ist, können Markteintrittsbarrieren steigen und Wettbewerbsdynamiken abnehmen. Dies kann wiederum Rückwirkungen auf Investitionsentscheidungen und Innovationsanreize haben. Langfristig droht eine Verfestigung bestehender Marktstrukturen.
Verschiebung der Innovationsführerschaft: Ein weiterer zentraler Befund betrifft die sektorale Struktur von Innovation. Während industrielle Kernbranchen traditionell eine tragende Rolle für Innovation in Deutschland gespielt haben, verschiebt sich die Innovationsführerschaft zunehmend in Richtung wissensintensiver Dienstleistungen und IT-Unternehmen.
Diese Entwicklung entspricht langfristigen Strukturtrends entwickelter Volkswirtschaften. Gleichzeitig stellt sie das deutsche Wirtschaftsmodell vor eine Herausforderung, das historisch stark auf industrieller Wertschöpfung basiert. Die Frage ist daher nicht, ob dieser Wandel stattfindet, sondern wie er gestaltet wird.
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, industrielle und dienstleistungsbasierte Innovationspfade stärker miteinander zu verzahnen. Insbesondere in technologieintensiven Bereichen könnten sich hier neue Innovationspotenziale ergeben, etwa durch die Integration digitaler Lösungen in industrielle Prozesse.
Zugleich stellt sich die Frage nach der Rolle von industriellen Kernkompetenzen in einer zunehmend digitalen Wirtschaft. Die Fähigkeit, technologische Entwicklungen in bestehende industrielle Strukturen zu integrieren, könnte dabei zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden. Hier entscheidet sich, ob industrielle Stärke in neue Innovationsfelder überführt werden kann.
Veränderung der Innovationsmuster: Neben strukturellen Verschiebungen zeigt sich auch ein Wandel in der Art der Innovation. Radikale Innovationsprojekte, die Geschäftsmodelle oder Märkte grundlegend verändern könnten, gehen zurück. Unternehmen setzen verstärkt auf inkrementelle Verbesserungen.
Aus theoretischer Sicht lässt sich dies als Verschiebung entlang des Innovationsspektrums interpretieren. Während inkrementelle Innovation bestehende Pfade stabilisiert, eröffnet radikale Innovation neue Entwicklungspfade. Ein Rückgang radikaler Innovation kann daher auf zunehmende Pfadabhängigkeiten und steigende Risikoaversion hinweisen.
Diese Entwicklung kann auch als Ausdruck veränderter Erwartungsstrukturen interpretiert werden. In einem Umfeld hoher Unsicherheit werden Projekte mit unklarem Ausgang tendenziell vermieden, während risikoärmere Vorhaben bevorzugt werden. Dies kann kurzfristig rational sein, langfristig jedoch Innovationspotenziale begrenzen und strukturelle Anpassungen verzögern.
Technologischer Strukturwandel
Parallel dazu verändert sich die technologische Basis von Innovation. Digitale Technologien diffundieren relativ schnell, während komplexe Deep-Tech- und Green-Tech-Anwendungen auf wenige Unternehmen konzentriert bleiben.
Es entsteht eine technologische Zweiteilung: breite Digitalisierung bei gleichzeitig begrenzter technologischer Tiefe. Gerade letztere ist jedoch entscheidend für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit, da sie häufig die Grundlage für neue Leitmärkte bildet.
Diese Zweiteilung verweist auf unterschiedliche Anforderungen an Kompetenzen und Ressourcen. Während digitale Technologien vergleichsweise leicht adaptierbar sind, erfordern komplexe Technologien langfristige Investitionen und spezialisierte Fähigkeiten. Die Fähigkeit, diese Lücke zu schließen, wird zunehmend zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor.
Ursachen: Unsicherheit und Ressourcenbindung
Die Studie selbst liefert keine kausalen Erklärungen im engeren Sinne, erlaubt aber eine plausible Einordnung. Unternehmen agieren in einem Umfeld zunehmender Unsicherheit, geprägt durch geopolitische Spannungen, volatile Märkte und technologische Umbrüche.
Zugleich sind Investitionen in anspruchsvolle Technologien kapital- und kompetenzintensiv. Fachkräfteengpässe und regulatorische Anforderungen binden zusätzliche Ressourcen. In der Summe führt dies zu vorsichtigerem Innovationsverhalten – eine ökonomisch rationale Reaktion auf Unsicherheit.
Hinzu kommt, dass institutionelle Rahmenbedingungen und politische Steuerungsmechanismen nicht immer ausreichend auf Geschwindigkeit und Komplexität technologischer Entwicklungen ausgerichtet sind. Dies kann zusätzliche Friktionen im Innovationssystem erzeugen und Anpassungsprozesse verzögern.
Implikationen für die Innovations- und Wirtschaftspolitik
Die Ergebnisse sprechen weniger für eine Ausweitung von Förderprogrammen als für eine stärkere strategische Fokussierung. Entscheidend sind klare Prioritäten, vereinfachte Förderstrukturen und verlässliche Rahmenbedingungen. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Innovationsfähigkeit nicht ausschließlich eine Frage von Ressourcen ist. Strategische Ausrichtung, Kooperation und Kompetenzaufbau bleiben zentrale Erfolgsfaktoren.
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, sowohl die Innovationsspitze zu stärken als auch die Breite der Unternehmenslandschaft stärker in Innovationsprozesse einzubinden. Dies erfordert ein Zusammenspiel aus wirtschaftspolitischen Maßnahmen und unternehmerischen Strategien sowie eine bessere Abstimmung zwischen unterschiedlichen Akteuren des Innovationssystems.
Fazit
Die Innovationsdynamik der deutschen Wirtschaft verändert sich strukturell. Entscheidend ist, dass Innovation nicht auf wenige Unternehmen konzentriert bleibt, sondern wieder stärker in die Breite diffundiert.
Diese Entwicklung ist jedoch kein Schicksal. Innovation ist das Ergebnis von Entscheidungen – in Unternehmen ebenso wie in der Wirtschaftspolitik. Ob es gelingt, die Dynamik zu stärken, wird maßgeblich die wirtschaftliche Zukunft bestimmen.
Darüber hinaus verdeutlicht die Studie, dass Innovationspolitik stärker systemisch gedacht werden muss. Nicht einzelne Instrumente, sondern das Zusammenspiel von Rahmenbedingungen, Kompetenzen und strategischer Orientierung entscheidet über die Leistungsfähigkeit eines Innovationssystems. In diesem Sinne liefert die Studie weniger eine Momentaufnahme als vielmehr einen Hinweis auf die langfristige Entwicklungsrichtung der deutschen Wirtschaft.
Zum Autor:
Armando García Schmidt ist Senior Expert im Projekt Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft.
Hinweis:
Hier finden Sie die vollständige Studie, auf der dieser Beitrag basiert.










































