Analyse

Der Iran-Krieg wirft den Nahen Osten um Jahrzehnte zurück

Die ernüchternde Realität des Irankrieges ist eine Mahnung daran, dass niemand gewinnt, wenn mächtige Staaten das Verbot zwischenstaatlicher Aggression verletzen. Die sozioökonomischen Folgen werden die Golf-Region noch lange Zeit prägen.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Bürger- und Staatenkriege, ausländische Interventionen, repressive rentierstaatlich-autoritäre Politökonomien und sich verschärfende Umweltkrisen die sozioökonomische Entwicklung im Nahen Osten gehemmt. Der Lebensstandard stagniert inmitten einer regionalen autoritären Konsolidierung, die seit anderthalb Jahrzehnten, seit den zerschlagenen Hoffnungen des Arabischen Frühlings anhält.

Dennoch hat die Region laut einem aktuellen Fortschrittsbericht uneinheitliche Fortschritte bei der Erreichung einiger der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) erzielt, insbesondere in den Bereichen Bildung, Gesundheitsversorgung sowie Zugang zu Wasser und Sanitärinfrastruktur. Die Destabilisierung durch den US-israelischen Krieg gegen den Iran droht nun selbst diese bescheidenen Fortschritte um Jahrzehnte zurückzuwerfen. Trotz des beispiellosen Ausmaßes der militärischen Zusammenarbeit zwischen den USA und Israel dürften ihre divergierenden politischen Interessen gegenüber dem Iran dauerhaftes Chaos in der Region erzeugen.

Die wahren Motive der USA

Durch die von hochrangigen US-Politikern gelieferten widersprüchlichen Rechtfertigungen für den Krieg wurden die amerikanischen Motive teilweise verschleiert. Klar ist gleichwohl, dass die vom iranischen Atomwaffenprogramm angeblich ausgehende Bedrohung für die USA und die Region haltlos ist. Omans Außenminister Albusaidi erklärte, das iranische Regime habe in Gesprächen mit den USA, die in der Woche vor den Angriffen in Genf stattfanden, zugesagt, niemals Atomwaffen anzustreben. Ebenso wenig glaubwürdig ist Präsident Trumps Behauptung, die USA handelten, um das iranische Volk vom Joch des unterdrückerischen Klerus-Regimes zu befreien – angesichts der Tatsache, dass die USA die im Januar vom iranischen Regime brutal niedergeschlagenen Proteste nicht unterstützt hatten.

Die eigentlichen Gründe der Vereinigten Staaten für den Angriff auf den Iran dürften eher mit der Bedrohung zusammenhängen, die der Iran für ihre geoökonomischen und geostrategischen Interessen darstellt. In den vergangenen Jahren hat das iranische Regime aktiv versucht, Sanktionen zu umgehen, indem es Öl außerhalb des Petrodollar-Systems verkaufte – etwa durch Ölverkäufe an China in Yuan. Wie schon im Fall Venezuelas haben die USA versucht, ein rivalisierendes Regime durch ein gefügiges zu ersetzen und zugleich Chinas Zugang zu Ressourcen einzuschränken.

Abgesehen davon, dass die Unterbrechung der iranischen Öllieferungen die gegenseitige Abhängigkeit zwischen China und Russland wahrscheinlich noch verstärken wird, setzt diese Strategie voraus, dass sich im Iran ein verhandlungsbereiter Partner findet. Berichten zufolge haben die Israelis nicht nur Irans Obersten Führer Ajatollah Ali Khamenei getötet, sondern auch mehrere andere hochrangige Persönlichkeiten, die diese Rolle hätten übernehmen können. Die Entscheidung des iranischen obersten Rates, Khameneis Sohn Mojtaba zum neuen obersten Führer zu ernennen, ist ein schwerer Schlag für amerikanische Interessen. Da die Frau und der Sohn des neuen iranischen Führers ebenfalls bei dem Angriff auf Khameneis Anlage ums Leben kamen, ist es höchst unwahrscheinlich, dass er zu Verhandlungen mit Trump bereit sein wird.

Albtraumszenario Bürgerkrieg

Israel will das militärische und politische Kräfteverhältnis neu justieren und seinen letzten ernsthaften strategischen Rivalen in der Levante ausschalten. Die iranische Unterstützung für schlagkräftige Stellvertreter in Syrien, dem Libanon und Gaza hatte Israel bis vor Kurzem davon abgehalten, den Iran anzugreifen, während frühere amerikanische Regierungen Israel aufgrund des Eskalationsrisikos keine freie Hand geben wollten. Nach den Terroranschlägen vom 7. Oktober 2023 auf Israel und der Wiederwahl von Präsident Trump im Jahr 2024 hat der israelische Premierminister Netanyahu sowohl die Gelegenheit als auch die amerikanische Rückendeckung für einen Schritt, den er den größten Teil seiner politischen Karriere angestrebt hat. Seit 2023 hat Israel die Hamas und die Hisbollah zerstört, das Assad-Regime ist gefallen. Irans Fähigkeit zur Vergeltung ist erheblich geschwächt.

Israels Politik der verbrannten Erde steht im Widerspruch zu den amerikanischen Interessen an regionaler Stabilität und gesichertem Zugang zu iranischem Öl. Die rechtsextreme Koalitionsregierung unter Netanyahus Führung will sicherstellen, dass Israels Nachbarn nicht über die Mittel verfügen, Israels Aneignung palästinensischen Territoriums zu widerstehen. Die Israelis sind der Ansicht, die Region mit Gewalt kontrollieren zu können – doch anhaltende Erschütterungen dürften ein Umfeld begünstigen, in dem der Terrorismus gedeiht und amerikanische Einrichtungen sowie Verbündete im Nahen Osten, in Europa und darüber hinaus ins Visier geraten. Ein Albtraumszenario, in dem der Iran in einen Bürgerkrieg abgleitet, würde einen regionalen Flächenbrand riskieren, der die kurdischen Gebiete, Aserbaidschan, die Türkei, den Irak und die Golfstaaten mit einschließt – mit unvermeidlichen Folgen für die nationalen und regionalen Volkswirtschaften, unabhängig davon, wer nominell die iranische Ölinfrastruktur kontrolliert.

Die Strategie des iranischen Regimes in Reaktion auf die US-israelischen Angriffe ist einfach: die Kosten in die Höhe treiben und die Krise überstehen. Die durch die Schließung der Straße von Hormuz ausgelöste ölpreisbedingte Inflation wird politische Auswirkungen in den USA haben und den Zorn über Trumps Entscheidung schüren, seine Wahlversprechen zu brechen und amerikanisches Militärpersonal im Nahen Osten zu gefährden. Auch die iranischen Drohnen- und Raketenangriffe auf die Golfnachbarn sollen diese dazu bewegen, die USA und Israel zur Einstellung der Feindseligkeiten zu drängen. Trumps mangelnde Entschlossenheit und seine Bereitschaft, abrupt den Kurs zu wechseln und anderen die Schuld für Misserfolge zuzuschieben, sind hinlänglich bekannt – das iranische Regime setzt offensichtlich darauf, den amerikanischen Präsidenten zu überdauern.

Das Ende einer Illusion

Die Entwicklungsauswirkungen der Gewalt sind in der gesamten Region spürbar. Die Illusion von Stabilität am Golf ist zerschlagen. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind als globaler Anschlussknotenpunkt auf Stabilität angewiesen und haben eine Bevölkerung, die zu rund 90% aus im Ausland Geborenen besteht. Viele wollen das Land verlassen und nehmen ihre Investitionen und ihr Fachwissen mit. Der Iran hat gezielt ausländische Investitionen ins Visier genommen und amerikanische Technologieunternehmen sowie Rechenzentren angegriffen. Physische und digitale Logistiknetzwerke stehen unter Druck, und die ambitionierte Konnektivitätsinitiative des Indien-Naher-Osten-Korridors liegt auf Eis. Die Auswirkungen auf bedeutende Entwicklungsprozesse wie den Wiederaufbau in Syrien und dem Libanon dürften erheblich sein, da ausländische Investoren und Entwicklungsgeber ihre Prioritäten neu bewerten. Der internationale Tourismus wird voraussichtlich besonders hart getroffen werden.

Es wird auch voraussichtlich dauerhafte Entwicklungsfolgen für Iran selbst geben. Sollte das iranische Regime überleben, wird das Land weiterhin internationalen Sanktionen ausgesetzt sein, deren sozioökonomische Auswirkungen die breite Bevölkerung weitaus härter treffen als ihre Führung. Bricht das iranische Regime zusammen und löst damit einen Regionalkrieg aus, ist der potenzielle sozioökonomische Schaden unabsehbar. Die daraus resultierende Vertreibung würde Nachbarländer zusätzlich belasten, die bereits damit kämpfen, Flüchtlinge aus früheren Konflikten aufzunehmen.

Die Umweltauswirkungen sind durch israelische Angriffe auf die Ölinfrastruktur in und um Teheran bereits sichtbar, mit dem Risiko einer Katastrophe größten Ausmaßes, sollte ein Öltanker in der Straße von Hormuz versenkt werden. Angriffe auf Militärbasen und Energieinfrastruktur haben zudem Meerwasserentsalzungsanlagen beschädigt, die Trinkwasser liefern – dies birgt die Gefahr einer humanitären Katastrophe und lässt das Gespenst des Wassers als Waffe in der gesamten Region aufsteigen.

Die ernüchternde Realität des Irankrieges ist eine Mahnung daran, dass niemand gewinnt, wenn mächtige Staaten das Verbot zwischenstaatlicher Aggression in der UN-Charta verletzen. Selbst wenn der Krieg schnell endet, werden die sozioökonomischen Schäden für den Nahen Osten von Dauer sein.

 

Zum Autor:

Mark Furness ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung „Inter- und transnationale Kooperation” des German Institute of Development and Sustainability (IDOS) in Bonn.