Stellen Sie sich vor, jemand leidet unter chronischen Schmerzen. Ein Arzt konzentriert sich auf den schmerzenden Körperteil und versucht, dieses einzelne Symptom zu beheben. Ein anderer verfolgt einen ganzheitlicheren Ansatz, der Körper und Geist einbezieht, und versucht zu verstehen, warum das Nervensystem im Alarmzustand verharrt – vielleicht aufgrund von Stress, Angst vor den Symptomen oder erlernten Auslösern. Da sie das Problem unterschiedlich betrachten, greifen beide Ärzte auf völlig unterschiedliche Behandlungsmethoden zurück.
Ähnliches geschieht in Umweltdebatten. Experten streiten sich manchmal darüber, welche Lösungen am besten funktionieren, und sind sich oft uneinig über Prioritäten und Kompromisse. Meine Kollegen und ich haben jedoch kürzlich eine Studie veröffentlicht, die darauf hindeutet, dass die Kluft möglicherweise schon früher beginnt: Ökonomen und Umweltwissenschaftler haben unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Umweltprobleme am relevantesten sind.
In einer weltweiten Umfrage unter 2.365 Forschern, die in führenden Wirtschafts- und Umweltwissenschaftsmagazinen veröffentlichen, haben wir diese gebeten, bis zu neun Umweltprobleme aufzulisten, die ihrer Meinung nach heute am relevantesten sind. Die Antworten zeigen zwei Wissenschaften, die denselben Planeten durch unterschiedliche Brillen betrachten.
Die von den Forschern wahrgenommenen Umweltprobleme stehen in Zusammenhang mit den von ihnen empfohlenen Lösungen. Wenn sie vor allem den Klimawandel wahrnehmen, sehen sie eher Potenzial in konventionellen, marktbasierten Lösungen (wie der Einführung einer CO2-Steuer). Wenn sie weitere Umweltprobleme wie den Verlust an biologischer Vielfalt oder die Umweltverschmutzung wahrnehmen, sehen sie eher Potenzial in umfassenderen, systemischen Lösungen.
Der Klimawandel war mit Abstand die am häufigsten genannte Problemkategorie in der gesamten Stichprobe. Etwa 70% der Befragten nannten ihn. Die zweithäufigste Kategorie, die von 51% genannt wurde, war die Integrität der Biosphäre, also im Wesentlichen der Verlust von Natur.
Mehrere Umweltbelastungen, die für die Stabilität unseres Planeten von entscheidender Bedeutung sind, wurden von weitaus weniger Forschern genannt. Neuartige Substanzen (sogenannte „novel entities“), darunter synthetische Chemikalien und Kunststoffe, wurden von etwa 43% erwähnt. Biogeochemische Flüsse, darunter Düngemittel, lagen bei etwa 9%. Die Versauerung der Ozeane lag bei rund 8%.
Die von Ökonomen und Umweltwissenschaftlern genannten Probleme waren unterschiedlich. So listeten Umweltforscher mehr und breitere Themenkategorien auf als Ökonomen. Beide erwähnten gleichermaßen häufig den Klimawandel und andere eng damit verbundene Themen wie Treibhausgasemissionen oder Luftverschmutzung. Unterschiede zeigten sich bei Themen, die weniger direkt mit Kohlenstoff zu tun haben, wie Biodiversität, Landnutzungsänderungen, neuartige Substanzen und Umweltverschmutzung.
Ein möglicher Grund für diese Unterschiede ist, dass verschiedene Fachrichtungen darauf trainiert sind, unterschiedliche Dinge zu beachten. Wie Fotografen neigen wir dazu, uns auf das zu konzentrieren, was unser Fachgebiet in den Fokus rückt. Ökonomen untersuchen häufig Preise, Anreize und politische Maßnahmen im Zusammenhang mit Kohlenstoffemissionen, sodass der Klimawandel für sie natürlich im Mittelpunkt steht.
Unterschiedliche Präferenzen bei Lösungsansätzen
Wir haben die Befragten auch gebeten, das Potenzial von sieben Ansätzen zur Minderung von Umweltproblemen zu bewerten. Alle Ansätze wurden mit mindestens mäßigem Potenzial bewertet. Insgesamt wurde technologischer Fortschritt am höchsten und gewaltfreier ziviler Ungehorsam am niedrigsten bewertet. Ökonomen bewerteten marktbasierte Lösungen und technologischen Fortschritt höher als Umweltforscher. Die Umweltforscher hingegen bewerteten das Schrumpfen der Weltwirtschaft und gewaltfreien zivile Ungehorsam höher als Ökonomen.
Anschließend untersuchten wir, ob Forscher, die ein breiteres Spektrum an Umweltproblemen nannten, auch dazu neigten, andere Arten von Lösungen zu bevorzugen, selbst nachdem Faktoren wie politische Ausrichtung und Forschungsgebiet berücksichtigt worden waren.
Es zeigte sich ein Muster: Die Nennung von mehr Kategorien war mit einem höheren wahrgenommenen Potenzial für systemischere Ansätze wie Umweltregulierung, Degrowth und gewaltfreien zivilen Ungehorsam verbunden. Die Nennung von mehr Themen ging auch mit einem geringeren wahrgenommenen Potenzial für technologischen Fortschritt einher.
Ökonomen und Umweltwissenschaftler beraten häufig Regierungen, sitzen in Expertengremien und prägen die Definition dessen, was als Lösung gilt. Wenn zwei einflussreiche Expertengruppen von unterschiedlichen Problemen ausgehen, ist es nicht verwunderlich, dass sie am Ende unterschiedliche Lösungen befürworten.
Es hilft auch zu erklären, warum manche Debatten festgefahren scheinen. Wenn der Klimawandel das einzige relevante wahrgenommene Thema ist, fällt es leichter, auf sauberere Technologien und Marktanreize zu setzen. Wenn man aber auch den Verlust der Artenvielfalt, die chemische Verschmutzung und den Wandel der Landnutzung als problematisch erachtet, erscheint es nicht mehr als ein rein technisches Problem. Es sieht eher nach einer Vielzahl miteinander verbundener Belastungen aus, die Veränderungen in der Art und Weise erfordern, wie wir produzieren, konsumieren und die Wirtschaft organisieren.
Dieses Thema kommt in unserer Studie zu Grünem Wachstum zur Sprache, also der Idee, dass Länder ihr BIP weiter steigern und gleichzeitig die Umweltbelastung reduzieren können. Anhand der Daten aus unserer Umfrage haben wir festgestellt, dass Forscher aus verschiedenen Disziplinen keineswegs davon überzeugt sind, dass Gesellschaften ihr BIP weiter steigern und gleichzeitig Emissionen und Ressourcenverbrauch schnell genug reduzieren können. Ökonomen waren im Allgemeinen optimistischer als ihre Kollegen aus den Geowissenschaften, Agrarwissenschaften und der Biologie. Diese Unterschiede deckten sich mit dem Vertrauen in Technologie und Märkte.
Man kann sich nicht auf den Weg verständigen, wenn man sich nicht vorher auf die zu verwendende Karte einigen kann. Ein gemeinsames Bild der Umweltkrise, das über CO2-Emissionen hinausgeht, wird diese vielleicht nicht auf magische Weise lösen. Aber es kann zu fruchtbarer Forschung und Diskussionen über Kompromisse führen und den Umfang der in Betracht gezogenen Lösungen erweitern.
Zum Autor:
Manuel Suter forscht zu Themen der Ökologischen Ökonomie und Psychologie an der Universität Lund und ist Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds.
Hinweis:
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Dieser Artikel wurde zuerst von The Conversation in englischer Sprache veröffentlicht und von der Makronom-Redaktion unter Zustimmung von The Conversation und des Autors ins Deutsche übersetzt.







































