Ob Stellenabbau, Leistungskultur oder Lifestyle-Debatte – Deutschland diskutiert über Arbeit. Anke Hassel und Wolfgang Schroeder, zwei der profiliertesten Kenner des deutschen Sozialstaats und der Arbeitsgesellschaft, haben mit ihrem Buch Was wird aus der Arbeit die wissenschaftliche Basis für die aktuelle Debatte geliefert. In dem Sammelband haben sie 58 Expertinnen und Experten zusammengebracht, um die drängenden Fragen der deutschen Arbeitsgesellschaft pointiert zu diskutieren.
Die Idee zum Sammelband, so führen Hassel und Schroeder in ihrem Vorwort an, kommt aus Frankreich, wo der Pariser Wissenschaftskollege Bruno Palier (Science Po) im Sommer 2024 anlässlich der Rentenreform 2023 mit anderen Expert:innen die Bestandsaufnahme Que sait-on du travail? (Was wissen wir über Arbeit?) zusammenstellte. Hassel und Schroeder liefern nun also die deutsche Diagnose.
Lediglich zu konstatieren, die Arbeitswelt befinde sich im Wandel, kommt einer Binsenweisheit gleich, schließlich reagiert nichts ähnlich sensibel und permanent auf technologische und gesellschaftliche Entwicklungen. Allerdings befinden wir uns an einem Punkt dieser Transformation, an dem die alte Ordnung in ihren Grundsäulen nicht mehr gilt und die neue noch am Anfang steht. Der Wandel ist ein Strukturwandel und damit tiefgreifend. Laut Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeits- und Berufsforschung (IAB), verliert Deutschland monatlich 10.000 Industriearbeitsplätze; gleichzeitig wird der Fachkräftemangel in Branchen wie Pflege, Bildung aber auch im Handwerk zunehmend spürbar.
Im Vergleich zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung der 1950er und 1960er Jahre befinde sich der Arbeitsmarkt nicht mehr in einem Gleichgewicht, so Hassel und Schroeder. Durch die Entwicklung von einer Industriegesellschaft hin zu einer Gesellschaft von Dienstleistungs- und Wissensarbeit bestünden heute viele Friktionen zwischen Arbeitsrecht, sozialer Sicherung, gesellschaftlicher Arbeitsteilung und Arbeitswelt. Wir seien nach wie nach wie vor in einer Übergangsphase, konstatieren die Herausgeber. Drastisch formuliert: Deutschlands Wirtschaft und damit auch die deutsche Arbeitsgesellschaft stecken in einer „Erneuerungs- und Neuerfindungskrise“.
Die Autor:innen nehmen den Status quo zum Anlass, eine umfassende Zustandsbeschreibung der aktuellen Fragestellungen und Herausforderungen vorzunehmen. Ist Arbeit noch attraktiv? Welche Perspektiven hat die Care-Arbeit in der neuen Arbeitsgesellschaft? Warum braucht die neue Arbeitsgesellschaft Migration und bessere Integration? Wie weiter in der Gehalts- und Tarifpolitik? Was sind die nächsten Schritte in der Aus- und Weiterbildung? Wie gelingt die digitale Transformation? Was sind die Bedingungen für die Gestaltung der Arbeit? Jeder Beitrag beleuchtet ein Thema kurz und knapp, nicht länger als drei Seiten. Einer Leserschaft mit wenig Zeit kommt dieser Überblickscharakter sehr entgegen.
Die deutsche Arbeitsgesellschaft steht zwischen alten Erkenntnissen und nicht-linearen Zukunftsprognosen. Zwar führten Innovationen in allen bisherigen technologischen Revolutionen zu Umbrüchen, Anpassungserfordernissen und damit veränderten Berufsbildern (von den heutigen Berufen waren 1940 etwa 63% noch nicht erfunden). Mit dem massentauglichen Einsatz der künstlichen Intelligenz und den nun möglichen Automatisierungsprozessen in breiten Bereichen der Wissensarbeit (unter anderem massiv auch im Anwaltsberuf) werden die Veränderungen der vierten technologischen Revolution disruptiv und vor allem sehr dynamisch sein. Zwar sieht das IAB laut eigener Berechnung eine Erhöhung des BIP-Wachstum in den nächsten 15 Jahren um jährlich 0,8 Prozentpunkte.
Aber dies fällt nicht vom Himmel und verlangt Investitionen nicht nur in die Technologie selbst, sondern in Befähigung, Weiterentwicklung, organisationale Neuausrichtung und in ein neues Mindset. Hier ist Tempo gefragt, vor allem auch bei der Entwicklung eines energiefreisetzenden Erneuerungsimperativs. Anja Meierkord legt mit Blick auf die Weiterbildung in Deutschland den Finger in die Wunde, indem sie von der Tendenz zur Selbstreproduktion spricht und einen Fahrplan für radikale Veränderungen bezüglich einer staatlich unterstützten und betrieblich geförderten Re- und Upskilling-Agenda fordert.
Neben technologischen Innovationen verändern gesellschaftliche Entwicklungen die Arbeitswelt. New Work als Chiffre für eine selbstbestimmte und sinnstiftende Arbeit, gepaart mit Individualisierungs- und Flexibilisierungsansprüchen der Beschäftigten nach Work-Life-Balance und Vereinbarkeit von Familie und Beruf prägen die postpandemische Arbeitskultur. Hier bleiben die Beiträge jedoch deskriptiv – leider. Denn an dieser Stelle ließe sich redlich diskutieren, ob wir uns nicht eigentlich schon im Post-New-Work-Zeitalter befinden, wenn wir damit eben nicht nur mobiles Arbeiten und Homeoffice meinen. Gerade für ihre Beschäftigen in orts- und schichtgebundener Arbeit sind Unternehmen aufgefordert, Konzepte zu entwickeln, die auch die Überschrift „modernes Arbeiten“ tragen können: flexible Schichtmodelle, Partizipation, aber auch Selbstorganisation. Hier ist vor allem auf betrieblicher Ebene im Zusammenspiel der Sozialpartner mehr möglich. Produktion mit Partizipation zusammengebracht und -gedacht (auch durch den Einsatz neuer Technologien) kann der Booster für Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit werden.
Nicht nur in diesem Bereich reduzieren sich die Beiträge auf die Beschreibung des Status quo. Dies liegt freilich an den Vorgaben zum komprimierten Format der einzelnen Beiträge. Aber auch mit Blick auf die Autorenschaft, die mehrheitlich in Wissenschaftsbetrieb zuhause ist, wäre der ein oder andere Beitrag aus der Praxis, etwa von Arbeitgeberseite und Sozialpartnern, wünschenswert gewesen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Der Sammelband liefert einen wichtigen Beitrag und an manchen Stellen sogar Fundamentales zur aktuellen Debatte, bleibt aber etwas zu defensiv. Dies zeigt sich exemplarisch bereits im eintönigen Cover, das der herausgebende Campus Verlag lediglich als schlichten weißen Einband gestaltet hat (das erwähnte französische Pendant kommt hingegen smaragdgrün schreiend daher). Unbestreitbar kompetente Wissenschaftler:innen dürfen – und sollten – ihre Expertise gerne etwas meinungsfreudiger kundtun. Denn die Frage, was aus der Arbeit wird, braucht zukunftsgerichtete und mutige Antworten.
Zur Autorin:
Bettina Munimus arbeitet als Projektleiterin Beschäftigungsbedingungen in der Konzernleitung bei der Deutschen Bahn AG und beschäftigt sich mit den Fragen zur Zukunft der Arbeit, New Work (auch für operativ tätige Beschäftigte) und Arbeit im KI-Zeitalter.







































