Vor mehr als einem halben Jahrhundert beschrieb Thomas Kuhn die normale Entwicklung einer Wissenschaft als geprägt von Paradigmen. Der Begriff ist in der Folge viel diskutiert worden. Aber man liegt nicht ganz falsch, wenn man ein wissenschaftliches Paradigma mit der Menge von Begriffen, Methoden und Grundüberzeugungen identifiziert, die von den Wissenschaftlern nicht hinterfragt werden, sondern die Forschungstätigkeit durch Generierung von Forschungsfragen ausrichten, die nach und nach im Rahmen des Paradigmas, mit seinen Begriffen und Methoden, beantwortet werden können. Insofern die Wissenschaften auch das Weltbild der Laien prägen, reicht der Einfluss eines grundlegenden wissenschaftlichen Paradigmas oft weit über die Fachwissenschaft hinaus.
Kuhn illustrierte sein Modell vor allem anhand von Paradigmen der Physik: Diese wurde etwa durch die Paradigmen eines Aristoteles und Ptolemäus über anderthalb Jahrtausende beherrscht, bevor sie im 16. und 17. Jahrhundert durch Kopernikus, Galileo und Newton revolutioniert wurden. Newtons Physik wurde dann zum neuen Paradigma, das immerhin mehr als 200 Jahre das Weltbild von Physikern und gebildeten Laien prägte, um in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts seinerseits durch Einsteins Relativitätstheorien revolutioniert zu werden.
Wie Kuhn und später Imre Lakatos betonten, werden in der normalen Wissenschaft die Elemente des Paradigmas, des „harten Kerns“ des Forschungsprogramms, keineswegs verworfen, wenn sie „den Fakten“ widersprechen. Da wissenschaftliche Theorien aus vielen miteinander verwobenen Annahmen, Hypothesen und Maximen bestehen, können dem Paradigma widersprechende Beobachtungen stets als weniger bedeutsame „Anomalien“ beiseitegeschoben werden, die den Grundüberzeugungen nur scheinbar widersprechen, sie aber nicht in Frage stellen.
Das Paradigma der „natürlichen Freiheit“ in der Volkswirtschaftslehre
Für die im Vergleich zur Physik sehr viel jüngere Wissenschaft der Volkswirtschaftslehre lässt sich ebenfalls ein langlebiges Paradigma identifizieren – die Überzeugung, dass Wettbewerb auf möglichst freien Märkten zu einer gesellschaftlich optimalen Allokation der Ressourcen führt. Diese Überzeugung wird gemeinhin auf Adam Smith und seine berühmte Formulierung von der „unsichtbaren Hand“ des Marktes zurückgeführt, die nach dieser Überzeugung dafür sorgt, dass sich individuelles Gewinnstreben letztlich auch für die Gesellschaft vorteilhaft auswirkt. Smith propagierte in seinem Hauptwerk The Wealth of Nations von 1776 daher ein System der „natürlichen Freiheit“ des Wirtschaftslebens, bei der dem Staat lediglich die Rolle zukommt, für Rechtssicherheit und für Sicherheit gegenüber äußeren Feinden der Nation zu sorgen, sowie Güter bereitzustellen, die von privater Seite sonst nicht produziert würden. Die Finanzierung dieser wenigen Staatsaufgaben sei durch eine proportionale Einkommensteuer sicherzustellen.
Es bedurfte einer kleinen Revolution in der Volkswirtschaftslehre – der sogenannten „marginalistischen“ –, um das Gewinnstreben der Unternehmer durch die Nutzenmaximierung der Konsumenten zu ergänzen. Autoren wie Alfred Marshall in Cambridge oder – etwas später – Frank Knight in Chicago formulierten das Modell einer Wettbewerbswirtschaft aus, in der viele relativ kleine gewinnmaximierende Unternehmen miteinander konkurrieren und ihre Produkte an nutzenmaximierende Konsumenten verkaufen, die ihrerseits auch auf dem Arbeitsmarkt miteinander im Wettbewerb stehen. Preise und Löhne passen sich aufgrund des Wettbewerbs so an, dass jeweils ein „Gleichgewicht“ entsteht – also Gleichheit von Angebot und Nachfrage. Dass „gesellschaftliche Optimalität“ anhand einer „Wohlfahrtsfunktion“ definiert werden kann, die einfach die individuellen Nutzenfunktionen summiert, war zwar im Sinne einer utilitaristischen Ethik folgerichtig, die interpersonelle Vergleichbarkeit der Nutzen war allerdings bald fragwürdig.
Auch stellten die – im 19. Jahrhundert noch sehr wenigen – mathematischen Ökonomen fest, dass die logische Konsistenz des Marktmodells durch die Tatsache in Frage gestellt war, dass Angebot und Nachfrage nach einem Gut auch von den Preisen anderer Güter abhängt: Beispielsweise wird die Nachfrage nach Konsumgütern auch von den Einkommen der Konsumenten, das Angebot auch von den Rohstoffpreisen und den zu zahlenden Löhnen beeinflusst.
Es war der französische Ökonom Leon Walras, der die Notwendigkeit hervorhob, im Rahmen eines Modells zu argumentieren, das eine wechselseitige Interdependenz aller Märkte berücksichtigt. Vilfredo Pareto, der das walrasianische allgemeine Gleichgewichtsmodell weiter ausbaute, gab dann eine Definition von „gesellschaftlicher Optimalität“, die bis heute in der Wirtschaftstheorie unter dem Namen „Pareto-Optimalität“ Verwendung findet und keine interpersonelle Vergleichbarkeit von Nutzen voraussetzt. Danach ist eine Situation „optimal“, wenn es keine realisierbare Alternative gibt, die von allen Konsumenten vorgezogen wird.
Ein Upgrade für Adam Smith
Im Jahre 1954 gelang es Kenneth Arrow und Gerard Debreu mittels fortgeschrittener, erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandener Mathematik ein Modell zu entwickeln, für das sie sowohl die Existenz eines allgemeinen (d.h. für alle Märkte gleichzeitig bestehenden) Gleichgewichts nachweisen, als auch beweisen konnten, dass die in einem solchen Gleichgewicht entstehende Allokation der Güter im Pareto‘schen Sinne „optimal“ ist.
Die im Arrow-Debreu-Modell (kurz: AD-Modell) beweisbare Aussage, dass die gleichgewichtige Allokation Pareto-optimal ist, fand dann unter der Bezeichnung „erstes fundamentales Theorem der Wohlfahrtstheorie“ in die Lehrbücher Eingang, wurde vielfach als präzise Fassung der Smith‘schen These von der „unsichtbaren Hand“ der Marktkräfte bezeichnet und als grundlegende Einsicht in die segensreichen Eigenschaften einer möglichst freien Marktwirtschaft bewertet.
Tatsächlich hat das AD-Modell viele Eigenschaften, die auch reale Marktwirtschaften aufweisen. Es gibt darin viele Güter, Dienstleistungen und Arbeitsarten, viele Konsumenten und viele Unternehmen; die Unternehmen versuchen, ihren jeweiligen Gewinn zu maximieren, indem sie im Rahmen ihrer technologischen Möglichkeiten Güter produzieren und an Konsumenten oder andere Unternehmen verkaufen; die Konsumenten besitzen Eigentum an Gütern, aber möglicherweise auch Anteile an Unternehmen; ihr Einkommen besteht aus Gewinneinkommen, soweit sie solche Unternehmensanteile besitzen, aber auch aus Arbeitseinkommen, das sie im Rahmen ihrer Fähigkeiten erzielen, und aus dem Verkauf etwaigen Eigentums. Gewinne der Unternehmen und Budgets der Konsumenten werden aufgrund der jeweils geltenden Marktpreise kalkuliert, und die Konsumenten wählen im Rahmen ihres jeweiligen Budgets eine Kombination von Konsumgüter- und Arbeitsmengen, die im Lichte ihrer individuellen Präferenzen meistpräferiert ist. Im Modell greift der Staat in das Wirtschaftsgeschehen weder durch Steuern noch durch steuernde Gesetzgebung ein.
Arrow und Debreu hatten mit ihrem Modell ein mathematisch präzises Bild einer „freien Marktwirtschaft mit Privateigentum“ geschaffen, also einer Wirtschaftsform, die – wenn auch meist in viel weniger präziser Gestalt – dem „Mainstream“ der Ökonomie als normatives Idealbild einer Wirtschaftsverfassung galt.
Begriffe, Modelle und Fakten
Wie jedes Bild weicht das AD-Model in vielerlei Hinsicht von der abgebildeten Realität ab. Es gibt mindestens sieben gute Gründe, die dagegensprechen, das „fundamentale Theorem der Wohlfahrtsökonomie“ als Beleg dafür zu deuten, dass Märkte mit möglichst freiem Wettbewerb zu einer „gesellschaftlich optimalen“ Allokation der Ressourcen führen:
Pareto-Effizienz ist nicht „gesellschaftliche Optimalität“. Gibt es nur ein Gut – einen „Kuchen“ im Gedankenexperiment des Ökonomen – so wäre eine Allokation, die einem Konsumenten den ganzen Kuchen zuteilt, aber alle anderen verhungern lässt, „Pareto-optimal“. Seit den 1970er Jahren wird daher zunehmend von Pareto-Effizienz gesprochen.
Dass ein Gleichgewicht existiert, bedeutet nicht, dass es sich einstellen wird. Das „fundamentale Theorem“ bezieht sich nur auf Situationen, in denen alle Märkte im Gleichgewicht sind. Die Literatur zur „Stabilität“ von Marktgleichgewichten zeigt aber, dass selbst unter idealisierenden Modellannahmen die „Marktkräfte“ keineswegs immer zu einem allgemeinen Marktgleichgewicht führen.
Die Pareto-Effizienz des Gleichgewichts gilt in ähnlichen Modellen, die etwas andere Annahmen machen, nicht. Das AD-Modell ist „statisch“ in dem Sinne, dass alle Unternehmen und Konsumenten von Anbeginn an am Marktgeschehen teilnehmen. Nimmt man stattdessen an, dass stets neue Generationen in den Markt eintreten und ältere ausscheiden, ist auch Pareto-Effizienz nicht mehr gewährleistet – selbst dann, wenn in jeder Periode alle Märkte im Gleichgewicht sind.
Auch bei „externen Effekten“ gilt die Pareto-Effizienzdes Gleichgewichts nicht. Im AD-Modell wird angenommen, dass die Präferenzen jedes Konsumenten völlig unabhängig sind von den Konsumentscheidungen anderer Haushalte und den Produktionsentscheidungen der Unternehmen. Solche „externen Effekte“ sind aber allgegenwärtig: Ob ich einen Zaun um meinen Garten baue, hängt davon ab, was mein Nachbar tut; ob ich eine Krawatte trage, davon, ob auch andere das tun. Im Zeitalter von Umweltverschmutzung und CO2-Emissionen ist die Annahme höchst irreführend, dass es keinerlei Externalitäten gibt.
Desgleichen führt unvollständige bzw. asymmetrische Information oft zu Pareto-ineffizienten Resultaten. Dass alle Marktteilnehmer alle relevanten Eigenschaften aller Güter kennen, ist eine weitere implizite Annahme des AD-Modells. Es ist aber leicht einzusehen, dass Pareto-Effizienz kaum erwartet werden kann, wenn die Annahme aufgegeben wird.
Nicht immer scheint das Pareto-Kriterium überzeugend. Amartya Sen hat gezeigt, dass das Kriterium einer liberalen Maxime widersprechen kann – nämlich dass jeder Konsument private Entscheidungen ganz unabhängig von den Präferenzen anderer treffen darf.
Wettbewerb kann aus technologischen Gründen ineffizient sein. Ein einfaches Gedankenexperiment zeigt dies: Können n Arbeiter aus technologischen Gründen höchstens die Menge n² eines bestimmten Produkts herstellen, wird ein Monopolunternehmen, das 10 Arbeiter beschäftigt, 100 Einheiten des Produkts herstellen können. Teilt man aber das Monopol in zwei konkurrierende Unternehmen auf, die jeweils nur fünf Arbeiter beschäftigen, ist die insgesamt produzierbare Menge nur 25+25=50.
Alle diese Überlegungen sind in der Wirtschaftstheorie spätestens seit den 1960er Jahren bekannt. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass nur wenige Jahre später Nobelpreise an eloquente Propagandisten des bereits überholten neoliberalen Idealbilds verliehen wurden – 1974 an Friedrich von Hayek und 1976 an Milton Friedman –, wodurch das Modell auch im politischen Raum zur handlungsleitenden Vision wurde. Thatcherismus ab 1979 und Reaganomics ab 1981 waren nur die prominentesten Erscheinungsformen des Versuchs, diese Vision durch Deregulierung, Privatisierung und Steuersenkungen umzusetzen.
Bis heute wirkt sie in der Politik etwa eines Donald Trump oder eines Javier Milei und in manchen Argumentationen „liberaler“ Politiker in Europa fort. Wie in der Physik kann es auch in der Ökonomie offenbar erstaunlich lange dauern, bis ein widerlegtes, aber tief verwurzeltes Paradigma überwunden wird.
Zum Autor:
Arnis Vilks ist emeritierter Professor für Wirtschaftswissenschaft am Lehrstuhl für Mikroökonomie der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er lehrte und forschte u. a. in Cambridge, Stanford, Hamburg, Riga, Mekelle, Freetown, auf den Kapverden, in Neuseeland und Australien. 2025 ist sein Buch Im Griff der unsichtbaren Hand erschienen, das die Grundlage für diesen Beitrag liefert.







































