Geoökonomie

Afrikas Rolle in Europas neuer Rohstoffpolitik

Die jüngsten geopolitischen Ereignisse haben Afrika strategisch näher an Europa gerückt. Die EU steht vor der Herausforderung, normative Ansprüche mit pragmatischen Interessen zu verbinden. Ein Beitrag von Fabian Fritzsche.

Mit dem Rückzug der USA aus dem multilateralen System, dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und Chinas zunehmend rohstoffgetriebener Außenwirtschaftspolitik rückt Afrika für Europa wieder stärker in den strategischen Fokus. Doch die Wahrnehmung des Kontinents ist stark verzerrt.

Afrika ist ein riesiger und extrem heterogener Kontinent – mit 54 Staaten, deren geographische, wirtschaftliche, politische und kulturelle Bedingungen sich teils grundlegend unterscheiden. Auf vielen Weltkarten erscheint Afrika kleiner, als es tatsächlich ist; in Wirklichkeit ließen sich Europa, die USA, China und Indien gemeinsam auf seiner Fläche unterbringen. Ökonomisch aber bleibt Afrika ein Leichtgewicht: 17% der Weltbevölkerung erwirtschaften rund 3% der globalen Wirtschaftsleistung.

In Diskussionen über die mögliche Rolle als wirtschaftlicher Partner Europas wird oft pauschalisierend von „Afrika“ gesprochen, obwohl tatsächlich nur eine Handvoll Staaten hinsichtlich der Rohstoffe von strategischer Bedeutung sind; die Zahl potenzieller Rohstoffpartner ist deutlich kleiner, als es die politischen Debatten vermuten lassen. Gleichzeitig sind die strukturellen Herausforderungen hoch. Es sind nicht allein Korruption oder mangelnder politischer Wille, die Investitionen erschweren. Die Entfernungen sind nach europäischen Maßstäben enorm, Lagerstätten liegen häufig tief im Binnenland, und die Infrastruktur ist vielerorts nur rudimentär. All dies erschwert wirtschaftliche Integration und Wertschöpfung vor Ort.

Exemplarisch zeigt das die Demokratisch Republik Kongo (DRK): Kobalterz aus dem Süden des Landes legt rund 2.800 Kilometer bis zum Hafen von Durban in Südafrika zurück – eine Strecke, für die Lastwagenkonvois oft 30 bis 40 Tage benötigen. Solche Transportwege sind kein Randphänomen, sondern Sinnbild für die Herausforderungen von Afrikas physischer Größe und seiner geographisch oft schwierigen Zugänglichkeit.

Enormes Rohstoff-Potenzial

Alle 54 afrikanischen Staaten zusammen erwirtschaften weniger BIP als Deutschland, weniger als 5% des gesamten Außenhandels der EU entfällt auf Afrika. Diese Kennziffern deuten auf eine insgesamt marginale Bedeutung des Kontinents für die europäische und auch für die Weltwirtschaft hin. In dieser aggregierten Betrachtung ist das nicht falsch: Zahlreiche Länder Afrikas – etwa Burkina Faso oder Sierra Leone – sind weniger durch aktive Ausbeutung in globale Wertschöpfungsketten eingebunden als vielmehr durch eine weitgehende Nichtintegration in die Weltwirtschaft gekennzeichnet.

Diese stark aggregierte Betrachtung verdeckt jedoch die Bedeutung einzelner Länder für spezifische Rohstoffe. Die DRK trägt rund 70% zur globalen Kobaltproduktion bei, über 70% des weltweit geförderten Platins und mehr als 40% des Chroms stammen aus Südafrika, und mehr als die Hälfte der globalen Manganförderung entfällt auf wenige afrikanische Staaten. Auch Seltene Erden, Lithium und Nickel zählen zu den zentralen Rohstoffen einer dekarbonisierten Wirtschaft. Vorkommen finden sich unter anderem in Tansania, Malawi, Namibia und Südafrika. Dennoch liegt Afrikas Anteil an der weltweiten Förderung bei unter 2%. Die Ursachen sind technologisch und industriell bedingt, das Potenzial ist vorhanden.

Afrikas Bedeutung liegt damit weniger in seiner gesamtwirtschaftlichen Größe als in seiner Rolle als Anbieter ausgewählter Schlüsselrohstoffe für industrielle Wertschöpfung und die fossilfreie Transformation. Die Wertschöpfung findet jedoch bislang überwiegend außerhalb des Kontinents statt. Mit wenigen Ausnahmen – etwa bei der Platin- und Chromraffination in Südafrika – endet die wirtschaftliche Aktivität an der Mine, während Weiterverarbeitung, chemische Aufbereitung und Vormaterialproduktion größtenteils in Asien oder Europa erfolgen.

Prioritäten setzen

Für die europäische Politik ergeben sich aus dieser Analyse mehrere Implikationen. Im Folgenden steht ausschließlich die ökonomische Dimension europäischer Afrikapolitik im Mittelpunkt. Fragen der humanitären Hilfe, Armutsbekämpfung oder Migration bleiben bewusst ausgeklammert. Diese Politikfelder sind wichtig, folgen jedoch anderen Zielsetzungen, Instrumenten und Bewertungsmaßstäben und lassen sich analytisch nicht ohne Weiteres mit industrie- und rohstoffpolitischen Fragestellungen vermengen.

Aus ökonomischer Perspektive ist entscheidend, welche Rolle Afrika realistisch für die Resilienz europäischer Wertschöpfungsketten spielen kann. Vor dem Hintergrund der dominanten Stellung Chinas in zahlreichen Rohstoff- und Verarbeitungsketten sowie der weiterhin starken technologischen Abhängigkeit von den USA stellt sich die Frage, in welchen Bereichen Afrika einen Beitrag zur Diversifizierung leisten kann.

Eine wirksame Strategie setzt eine klare Priorisierung voraus. Entscheidend ist, welche Rohstoffe in den Bereichen Energie, Mobilität, Chemie oder Verteidigung strategische Bedeutung haben und in welchen afrikanischen Ländern sie in wirtschaftlich nutzbarer Form vorkommen. Europa unterhält zwar bereits heute mehrere strategische Rohstoffpartnerschaften mit afrikanischen Staaten, die darauf abzielen, nachhaltige Lieferketten für kritische Rohstoffe zu entwickeln und Abhängigkeiten zu diversifizieren. Diese Abkommen sind in der Regel politisch-strategische Rahmenvereinbarungen mit Fokus auf Governance und Ressourcenzugang. Tiefergehende industrielle Kooperationen mit gemeinsamer Verarbeitung und Wertschöpfung vor Ort sind hingegen bislang die Ausnahme.

Handlungsfelder

Insbesondere Kobalt, Platin, Chrom und Mangan werden in mehreren afrikanischen Ländern in großen Mengen gefördert, jedoch überwiegend in Form von Erzen oder nur teilraffinierten Zwischenprodukten exportiert. Der Großteil dieser Exporte geht bislang nach China, das über umfassende Kapazitäten zur Raffination, chemischen Aufbereitung und Weiterverarbeitung verfügt und damit die nachgelagerten Wertschöpfungsstufen kontrolliert.

Europa ist in diese Wertschöpfungsketten nur begrenzt eingebunden. Es besteht eine hohe Importabhängigkeit, es fehlen weitgehend eigene Raffinerie-, Trenn- und Weiterverarbeitungskapazitäten. Reine Kauf- oder Abnahmeverträge ändern an dieser Konstellation wenig, da sie den physischen Fluss der Rohstoffe nicht von den bestehenden Verarbeitungszentren entkoppeln und somit keine eigenständige industrielle Resilienz schaffen. Das Defizit liegt weniger im Zugang zu Rohstoffen als in der Kontrolle über die nachgelagerten Stufen der Wertschöpfung. Europa ist hier stark abhängig von China.

Ähnliche Muster zeigen sich beim Lithium, das zunehmend in Simbabwe, Namibia und der DRK exploriert wird. Simbabwe zählt zu den weltweit wichtigsten Förderländern, doch wird der überwiegende Teil der Produktion unmittelbar insbesondere nach China exportiert. Raffination, Vormaterialproduktion und Batteriefertigung sind bislang kaum in Afrika angesiedelt.

Kurzfristig sollte Europa dort ansetzen, wo bestehende Strukturen reaktiviert, umgerüstet oder erweitert werden können, um zumindest Teile der Weiterverarbeitung selbst abzudecken. Solche Maßnahmen können Abhängigkeiten nicht vollständig auflösen, erhöhen jedoch die Krisenfestigkeit.

Mittelfristig kommt dem Aufbau gemeinsamer Kapazitäten mit ausgewählten afrikanischen Partnern zentrale Bedeutung zu. Wo politische Rahmenbedingungen, Energieverfügbarkeit und Infrastruktur dies zulassen, können Raffinerien, Trennanlagen und weiterführende Verarbeitungsschritte gemeinsam entwickelt werden. Ziel ist die gezielte Verlängerung bestehender Wertschöpfungsketten über den reinen Rohstoffabbau hinaus. Voraussetzung ist eine frühzeitige Einbindung solcher Projekte in bestehende regionale Infrastrukturkorridore, um isolierte Einzelvorhaben zu vermeiden.

Dieser Ansatz ist kein Nullsummenspiel. In vielen relevanten Verarbeitungsstufen bestehen in Europa bislang nur begrenzte oder gar keine Kapazitäten. Gemeinsame Investitionen schaffen zusätzliche Wertschöpfung in Afrika, ohne bestehende europäische Industrien zu verdrängen, und ermöglichen es zugleich, Einfluss auf Umwelt- und Sozialstandards zu nehmen.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten sollte sich eine solche Strategie auf eine begrenzte Zahl potenzieller Partner konzentrieren, darunter die DRK, Südafrika, Simbabwe, Gabun, Guinea, Namibia und Tansania. Ob diese Partnerschaften tragfähig sind, hängt auch von den politischen und institutionellen Rahmenbedingungen der jeweiligen Staaten ab.

Realismus und Verantwortung

Von den rohstoffreichen Staaten Afrikas erfüllen nur wenige grundlegende Kriterien politischer Stabilität, rechtsstaatlicher Verlässlichkeit und institutioneller Leistungsfähigkeit. Als konsolidierte Demokratien können Südafrika und Namibia gelten, mit Einschränkungen auch Tansania. Weitere zentrale Förderländer sind autoritär regiert, durch hohe Korruption gekennzeichnet oder institutionell nur begrenzt funktionsfähig. Diese Rahmenbedingungen erhöhen politische Risiken, erschweren langfristige Investitionen und begrenzen kurzfristig die Tiefe wirtschaftlicher Kooperation.

Ein Rückzug aus politisch fragilen Staaten würde jedoch bestehende Abhängigkeiten nicht verringern, sondern die Gestaltungsmacht anderer Akteure vergrößern. Insbesondere China hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass es bereit ist, wirtschaftliche Kooperation unabhängig von institutionellen Standards zu vertiefen und dabei Kontrolle über Förder-, Transport- und Verarbeitungsketten zu gewinnen. Ein wertebasierter Ansatz schließt pragmatische Zusammenarbeit nicht aus. Voraussetzung ist jedoch eine realistische Erwartungshaltung: Ziel kann nicht die kurzfristige politische Transformation von Partnerländern sein, sondern die schrittweise Stabilisierung wirtschaftlicher und institutioneller Strukturen durch konkrete Kooperationsprojekte.

Fazit

Die Debatte über Afrikas Rolle in der europäischen Rohstoff- und Außenwirtschaftspolitik ist häufig von einer doppelten Verzerrung geprägt: Der Kontinent wird als homogener Akteur wahrgenommen und seine ökonomischen Möglichkeiten werden überschätzt. Beides verstellt den Blick auf reale Handlungsspielräume. Afrika ist weder ein einheitlicher Partner noch ein umfassender Ersatz für bestehende Abhängigkeiten, sondern ein strategisch relevanter Raum mit konzentrierter Bedeutung einzelner Länder.

Solange die Wertschöpfung überwiegend außerhalb Afrikas stattfindet, sind Rohstoffpartnerschaften strategisch nur begrenzt wirksam. Für Europa ist eine klare Priorisierung wichtig. Projekte, die isoliert bleiben oder ausschließlich auf den Export unverarbeiteter Rohstoffe zielen, verfestigen bestehende Abhängigkeiten, anstatt sie zu reduzieren.

Der Aufbau alternativer Liefer- und Wertschöpfungsketten erfordert langfristiges Kapital und politische Geduld. Kurzfristige Erfolge sind nicht zu erwarten. Eine wirksame Strategie muss sich an realistischen Zeit- und Risikohorizonten orientieren.

Politisch steht Europa dabei vor der Herausforderung, normative Ansprüche mit pragmatischen Interessen zu verbinden. Die institutionellen Defizite vieler rohstoffreicher Staaten dürfen nicht ignoriert werden, können aber auch kein Argument für Rückzug sein. Strategisches Nicht-Handeln überlässt Einfluss und Gestaltungsmacht anderen Akteuren. Ein realistisches europäisches Engagement zielt auf den Aufbau belastbarer wirtschaftlicher Strukturen, die langfristig Stabilisierung und Eigenständigkeit fördern.

 

Zum Autor:

Fabian Fritzsche arbeitet in den Bereichen Portfolio Management & Economic Research beim institutionellen Asset Manager Collineo.