Economists for Future

Wenn der Finanzinvestor am Pflegebett sitzt

Das Gesundheitswesen gerät zunehmend unter den Einfluss von Private Equity – mit gravierenden Folgen für Pflege, ärztliche Versorgung und Qualität. Ein Beitrag von Jorim Gerrard und Uwe Zöllner.

Unsere Gesellschaft befindet sich inmitten eines tiefgreifenden Transformationsprozesses. Im Zentrum steht die Wirtschaft – und die Suche nach Wegen zur Nachhaltigkeit. Die nächsten Jahre werden entscheiden, inwiefern dieser Wandel by disaster geschieht oder uns by design gelingt.

Die Debattenreihe #econ4future widmet sich den damit verbundenen ökonomischen Herausforderungen und diskutiert mögliche Lösungsansätze. Die Beiträge analysieren Engführungen in den Wirtschaftswissenschaften und Leerstellen in der aktuellen Wirtschaftspolitik. Zugleich zeigen sie Orientierungspunkte für ein zukunftsfähiges Wirtschaften auf und geben Impulse für eine plurale Ökonomik, die sozial-ökologische Notwendigkeiten ernst nimmt.

Die Kooperation mit Economists for Future e.V. begann im September 2019. Seitdem erscheint jährlich eine neue Staffel mit wechselnden Themenschwerpunkten. Die siebte Ausgabe widmet sich der Frage, wie sich soziale Sicherheit im Spannungsfeld von Klimakrise und wirtschaftlicher Transformation neu denken lässt. Was braucht es aus ökonomischer Perspektive, um sozialer Spaltung sowie dem Erstarken autoritär-nationalistischer Tendenzen entgegenzuwirken? Und wie können Wohlfahrtsstaat, Eigentumsverhältnisse, Versorgungssysteme und Institutionen so gestaltet werden, dass demokratischer Zusammenhalt, ökologische Stabilität und ökonomische Resilienz gestärkt werden?

Alle bisher erschienenen Beiträge der Economists for Future-Reihe finden Sie hier.

Das deutsche Gesundheitswesen steht unter massivem Druck. Engpässe beim Personal, steigende Kosten und strukturelle Defizite werfen die Frage auf, wie diese Bereiche künftig organisiert und finanziert werden sollen. Besonders brisant wird die Debatte dort, wo Leistungen für ältere Menschen und ambulante medizinische Versorgung weitgehend öffentlich finanziert werden – und dennoch Akteure auftreten, die vor allem Renditen im Blick haben. An diesem Punkt rückt ein Player verstärkt ins Zentrum: Private Equity.

Dabei scheint kein Bereich weiter von Finanzmärkten entfernt zu sein als das Pflegeheim der Großeltern. Doch seit Jahrzehnten verschwimmen die Grenzen zwischen Realwirtschaft und Finanzmärkten. Die Logik der Finanzmärkte dringt in alltägliche Lebensbereiche ein – eine Entwicklung, die als „Finanzialisierung“ bekannt ist. Ein prägnantes Beispiel hierfür sind Private-Equity-Firmen.

Private-Equity-Firmen wie Blackstone, KKR und Carlyle legen Fonds auf, in denen sie das Kapital von Großanlegern wie z.B. Pensionsfonds und sehr vermögenden Privatkund*innen bündeln, um es mit dem Ziel hoher Renditen anzulegen. Versprochen werden den Anlegern jährliche Renditen von 15 bis 20%. Zum Vergleich: Am Aktienmarkt, der für breite Anlegerkreise zugänglich ist, liegt die langfristige Durchschnittsrendite bei 7 bis 8%. Die Private-Equity-Firmen selbst erheben hohe Verwaltungsgebühren und erhalten zusätzlich einen Anteil am Gewinn.

Rendite, Schulden und schneller Exit

Die Kapitalmittel aus den Private-Equity-Fonds werden dann verwendet, um Unternehmen aufzukaufen, wobei ein einzelner Fonds in der Regel ca. 8 bis 20 Unternehmen kauft. Um mit dem vorhandenen Kapital möglichst viele Käufe tätigen zu können, finanzieren die Fonds einen Großteil des Kaufpreises mit Krediten. Dabei werden die Transaktionen so strukturiert, dass die Schulden von den übernommenen Unternehmen getragen werden. Zins- und Tilgungszahlungen müssen diese aus den laufenden Einnahmen decken, und auch das Risiko aus der Verschuldung liegt bei den gekauften Firmen und nicht bei den Fonds.

Auf die Übernahme folgen häufig tiefgreifende Umstrukturierungen: schnelles Umsatzwachstum, massive Kostensenkungen und stark reduzierte Investitionen. Gewinne werden durch gezielte Steuergestaltung in Schattenfinanzzentren umgeleitet. Ziel ist es, den Marktwert innerhalb kurzer Zeit zu steigern und die Firmen anschließend mit hohem Gewinn weiterzuverkaufen. Denn die Fonds sind nicht auf Dauer angelegt – nach 5 bis 7 Jahren möchten die Großanleger ihr Geld zurückbekommen.

Private Equity agiert dabei nicht als langfristiger Eigentümer, sondern als Händler, der Unternehmen nach kurzer Zeit weiterverkauft. Für nachhaltige Entwicklungsstrategien bleibt in diesem Modell kaum Raum. Zwar betonen Private-Equity-Firmen regelmäßig, die Effizienz der Unternehmen zu steigern und sie damit für den globalen Wettbewerb zu rüsten. Doch nicht immer geht die Brachialkur für Unternehmen gut aus. Kurzsichtige Sparmaßnahmen rauben vielen Firmen die Zukunftsfähigkeit. Laut einer Untersuchung von 423 Fallbeispielen gerieten 20% der von Private Equity übernommenen Unternehmen in eine finanzielle Notlage (Scheuplein 2020).

Daseinsvorsorge als Anlageobjekt

Auf der Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten haben Private-Equity-Fonds zunehmend Bereiche der Daseinsvorsorge ins Visier genommen – darunter Gesundheit, Pflege, Wohnen und Infrastruktur. Diese Leistungen sind für die Firmen attraktiv, da sie für das tägliche Leben unverzichtbar sind und häufig öffentlich finanziert werden, auch wenn private Anbieter diese Leistungen erbringen. Die Nachfrage ist also gesichert und das Risiko für die Anleger deutlich reduziert.

Viele private Anbieter leisten hier seit Jahrzehnten gute und verantwortungsvolle Dienste. Der Einstieg von Private Equity kann jedoch erhebliche Probleme verursachen. In sensiblen Bereichen wie Pflege und Gesundheitsversorgung sind die Folgen nicht selten dramatisch und gehen mit sozialen Belastungen und Qualitätsverlusten einher.

Pflegeheime und Arztpraxen in der Hand von Private Equity

Ein Beispiel sind Altenpflegeheime. Dort werden vulnerable Menschen betreut, die auf eine angemessene und humane Versorgung angewiesen sind. Ein Management, das primär auf Finanzkennzahlen ausgerichtet ist, steht hierzu oft in einem Spannungsverhältnis.

Private Equity kauft dabei Pflegeheime auf und setzt auf sogenannte „Effizienzsteigerungen“ – sprich: Personalabbau, Kostendruck, schlechtere Versorgung. Studien deuten darauf hin, dass Pflegeheime im Besitz von Private-Equity-Firmen stärkeren Druck auf das Pflegepersonal ausüben und eine geringere Pflegequalität bieten (Geraedts et.al. 2016). In vielen Fällen ist das Personal in Pflegeheimen stark überlastet und der Mangel an Arbeitskräften wird durch Leiharbeitnehmer ausgeglichen (Finanzwende 2021).

Besonders drastisch sind die Befunde aus den USA. In von Finanzinvestoren übernommenen Krankenhäusern nahmen unter anderem Stürze, Sepsis-Fälle und Wundinfektionen messbar zu (New York Times 2021). In aufgekauften US-amerikanischen Pflegeheimen stieg sogar die Sterblichkeitsrate (Gupta et al 2023).

Neuerdings gewinnen auch in Deutschland Private-Equity-Firmen zunehmend Einfluss im Bereich der ambulanten Ärzteversorgung, etwa durch den Aufbau großer Verbünde von Arztpraxen in Form Medizinischer Versorgungszentren (MVZ). Die Gewinnorientierung erhöht hier den Druck, ökonomische vor medizinische Prioritäten zu stellen (Berndt 2023). Medienberichte sprechen von umsatzorientierten Vorgaben, insbesondere in Augenheilkunde und Zahnmedizin (Wasner 2022). Plakativ brachte das die Ärztin Eleonore Zergiebel auf dem Deutschen Ärztetag zum Ausdruck: „Fälle, Fälle, Fälle – und vor allem lukrative Fälle“, das fordere die Geschäftsführung von den Mediziner*innen (Bangemann 2025).

Hinzu kommt, dass investorengeführte Einrichtungen oft auf lukrative Leistungen setzen. So bezeichneten Augenarztketten in ihren Geschäftsberichten bestimmte Operationen explizit als „Werttreiber” und legten detaillierte Wachstumspläne für solche Eingriffe dar. Weniger lukrative Leistungen werden dagegen häufig einfach nicht mehr angeboten (Meusel 2022). Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass Private-Equity-Firmen in einigen Regionen in Deutschland bereits heute monopolartige Strukturen aufgebaut haben (Finanzwende 2023).

Wie sich Private Equity in der Daseinsvorsorge zurückdrängen lässt

Die Beispiele zeigen, wie wichtig eine aktive Steuerung des Zugangs zur Daseinsvorsorge ist. Verantwortungsvolle private Anbieter können dabei einen wichtigen Beitrag leisten, während aggressive renditegetriebene Strategien erheblichen Schaden verursachen.

Bisherige Regulierungsansätze zielen vor allem darauf ab, Effizienzdruck abzumildern – etwa durch Qualitätsvorgaben in der Pflege, die Stärkung der ärztlichen Unabhängigkeit oder Einschränkungen beim Aufbau von Praxisketten. Diese Regelungen sind oft kleinteilig und schwer durchsetzbar.

Immer wieder wird daher ein Verbot von Private-Equity-Investoren gefordert. Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kündigte 2022 an, renditegetriebene Praxisketten würden „das letzte schöne Weihnachten“ haben. Der Bundesrat forderte ein Gesetz gegen Risiken investorengeführter MVZ. Dieses Gesetz kam jedoch nie zustande. Ein Blick ins Lobbyregister zeigt, wie intensiv verschiedene Akteur*innen auf den Gesetzgebungsprozess Einfluss nahmen (Finanzwende 2025).

Um gezielt gegen aggressive Finanzinvestoren vorzugehen, ist ein Ausschüttungsdeckel eine mögliche Alternative. Dabei würde die maximale Weitergabe von Unternehmensgewinnen an die Eigentümer auf einen festgelegten Prozentsatz des von den Eigentümern tatsächlich in die Firma eingebrachten Kapitals (Eigenkapital) begrenzt. Darüberhinausgehende Gewinne müssten im Unternehmen verbleiben und in den Bereich der Daseinsvorsorge reinvestiert werden – auch im Falle eines Verkaufs oder einer Auflösung des Unternehmens. Gewinne, auf die ein Eigentümer nicht zugreifen kann, sind für ihn wertlos. Und genau das ist die Idee: Für Investoren, die auf hohe Renditen setzen, würde der Sektor dadurch unattraktiv, während solide geführte Einrichtungen nicht beeinträchtigt würden (die Bürgerbewegung Finanzwende, für die wir beide tätig sind, hat die Umsetzbarkeit dieser Idee durch ein juristisches Gutachten prüfen lassen).

Zusätzlich sollte der exzessiven Verwendung von Schulden ein Riegel vorgeschoben werden. Fonds sollten Schulden nicht unbegrenzt auf die von ihnen beherrschten Unternehmen verlagern können und für hinterlassene Schulden nach ihrem Ausstieg noch haften müssen.

Rendite auf Kosten der Gesellschaft

Sektoren der Daseinsvorsorge benötigen zusätzliches Kapital. Die Private-Equity-Branche präsentiert sich dabei aktuell als privatwirtschaftliche Lösung für den Finanzbedarf des öffentlichen Sektors. Private-Equity-Fonds wachsen rasant und dringen in Bereiche der Daseinsvorsorge vor, die für Lebensqualität und sozialen Zusammenhalt zentral sind – von Pflege über Wohnraum bis hin zur Gesundheit. Doch Private Equity stellt nicht die Art von Kapital bereit, die dringend benötigt wird. Ihre Logik folgt nicht dem Gemeinwohl, sondern der kurzfristigen Wertsteigerung. Die Geschäftsmodelle zielen darauf ab, möglichst viel Kapital aus den gehaltenen Beteiligungen herauszuziehen.

Wenn Mieten steigen und die Kosten für Pflegeplätze in die Höhe schnellen, werden Menschen ausgeschlossen. Dass Finanzakteure lebenswichtige Infrastrukturen zu Renditeobjekten machen, trägt auch dazu bei, dass die soziale Spaltung zunimmt und autoritäre Tendenzen erstarken. Private Equity wirkt in diesem Zusammenhang wie eine Ungleichheitsmaschine: Ihr Geschäftsmodell beschert den Finanzeliten astronomische Einkünfte – während viele Menschen mit steigenden Kosten und wachsendem finanziellen Druck leben müssen.

Ein Wohlfahrtsstaat, der Spaltung entgegenwirken und soziale Stabilität sichern soll, darf zentrale Bereiche der Daseinsvorsorge nicht den Mechanismen renditegetriebener Fonds überlassen. Die Einflussnahme von Private Equity in der öffentlichen Versorgung muss daher begrenzt werden, um zu verhindern, dass lebenswichtige Infrastruktur zum Spielball globaler Finanzmärkte wird.

 

Zu den Autoren:

Jorim Gerrard arbeitet bei Finanzwende im Bereich Finanzstabilität. Er hat Volkswirtschaft studiert und war beim Netzwerk Plurale Ökonomik sowie im Bundestag tätig.

Uwe Zöllner unterstützt Finanzwende seit 2021 als Fellow. Davor war er über mehr als 20 Jahre als Portfolio-Manager für globale Aktien tätig. Bei Finanzwende beschäftigt er sich vor allem mit dem Einfluss der Finanzbranche auf die Realwirtschaft.