„Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“
Mit diesen Worten kritisierte der CDU-Vorsitzende und Bundeskanzler Friedrich Merz unlängst den aktuellen Krankenstand in Deutschland und gab der schon seit längerem schwelenden Debatte um die Arbeitsmoral der Deutschen neuen Schwung.
Schauen wir uns die Fakten an. Der Krankenstand liegt seit 2022 auf einem historisch hohen Niveau. Je nach Berechnungsmethode werden durchschnittlich rund 14 bis 15 Krankheitstage pro Beschäftigtem und Jahr ausgewiesen. Diese Zahl hat sich schnell zu einem politischen Argument verdichtet, wird aber häufig ohne ausreichende Einordnung verwendet.
Zunächst ist festzuhalten, dass ein wesentlicher Teil des statistischen Anstiegs auf eine verbesserte Datenerfassung zurückzuführen ist. Mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) ab 2022 werden Krankmeldungen nahezu vollständig erfasst. Fälle, die früher informell blieben oder zeitverzögert gemeldet wurden, erscheinen heute zuverlässig in der Statistik.
Hinzu kommen reale gesundheitliche Faktoren. Nach dem Wegfall der pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen kam es zu starken Erkältungs- und Grippewellen. Gleichzeitig hat sich das gesellschaftliche Verhalten verändert: Wer krank oder infektiös ist, bleibt heute häufiger zu Hause, statt krank zur Arbeit zu gehen. Aus arbeitsmedizinischer Sicht stellt dies eher einen Fortschritt als ein Problem dar.
Ein zentrales Problem der öffentlichen Debatte ist die Fixierung auf Durchschnittswerte. Der Mittelwert von 14 oder 15 Krankheitstagen suggeriert, dies sei ein typisches Verhalten einzelner Beschäftigter. Tatsächlich sind Fehlzeiten extrem ungleich verteilt.
Verteilung der Arbeitsunfähigkeitsfälle nach Falldauer

Auswertungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigen, dass rund 37% aller Arbeitsunfähigkeitsfälle lediglich ein bis drei Tage dauern, dabei aber nur etwa 7% der gesamten Ausfalltage verursachen. Demgegenüber stehen rund 3,3% sehr langer Krankheitsfälle mit einer Dauer von mehr als sechs Wochen, die allein knapp 40% aller Ausfalltage verursachen.
Diese stark rechtsschiefe Verteilung bedeutet: Der größte Teil des Arbeitszeitverlustes entsteht nicht durch viele kurze Krankmeldungen, sondern durch wenige lange Ausfälle. Politische Appelle gegen „Krankfeiern“ adressieren daher statistisch den falschen Teil des Problems.
Anteil der AU-Tage nach Falldauer – starker Langzeit‑Effekt

Besonders relevant sind Langzeiterkrankungen im Bereich psychischer Störungen sowie Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. Diese Diagnosen sind vergleichsweise selten, verursachen aber sehr lange Fehlzeiten. Genau hier liegt der größte Hebel für eine nachhaltige Reduktion von Arbeitszeitausfällen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Vergleich zwischen Branchen. Hohe Krankenstände finden sich überdurchschnittlich im Gesundheits- und Sozialwesen, in der Industrie sowie im Verkehr. Gemeinsame Merkmale sind hohe körperliche oder psychische Belastung, Schichtarbeit und Personalmangel.
Demgegenüber weisen Branchen wie die Informations- und Kommunikationswirtschaft deutlich niedrigere Krankenstände auf. Ursachen sind vor allem hohe Arbeitszeitautonomie, Homeoffice‑Möglichkeiten und geringere körperliche Belastung. Niedrige Krankenstände sind hier jedoch nicht automatisch ein Zeichen geringerer Krankheitslast, sondern spiegeln auch Präsentismus und flexible Arbeitsorganisation wider.
Schlussfolgerungen
Für die Frage, ob sich durch politischen Druck zusätzliche Arbeitsstunden mobilisieren lassen, ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Druck kann statistische Krankmeldungen kurzfristig senken, führt aber häufig zu Präsentismus und langfristig zu schwereren Erkrankungen. Nachhaltige Effekte sind hiervon nicht zu erwarten.
Demgegenüber zeigen arbeitswissenschaftliche Studien, dass Investitionen in Ergonomie im weiteren Sinn – also in Arbeitsorganisation, Prävention, ergonomische Gestaltung und psychische Entlastung – insbesondere die Dauer von Langzeiterkrankungen reduzieren können. Genau dort entsteht der größte Anteil der Arbeitszeitverluste, und genau dort liegt das realistische Potenzial, dauerhaft mehr Arbeitsstunden zu mobilisieren.
Der hohe Krankenstand in Deutschland ist damit kein Ausdruck allgemeiner Arbeitsunwilligkeit, sondern das Ergebnis verbesserter Erfassung, realer gesundheitlicher Belastungen und struktureller Defizite in bestimmten Branchen. Wer über mehr Arbeitsleistung sprechen will, sollte weniger über Krankmeldungen und mehr über Arbeit selbst sprechen.
Zum Autor:
Daniel Gembris ist Professor für mathematisch-naturwissenschaftliche Grundlagen an der Dualen Hochschule Sachsen.







































