Ungleichheit

Die Kehrseite der Aufwärtsmobilität

Der Begriff der Chancengleichheit ist inzwischen zu einem Allgemeinplatz geworden, gegen den eigentlich niemand etwas haben kann. Allerdings wird dabei vernachlässigt, dass in stagnierenden Volkswirtschaften der Aufstieg von einigen Menschen zwangsläufig den Abstieg von anderen bedeuten muss. Ein Kommentar von Branko Milanovic.

Soziale Rolltreppe. Bild: Siavash Ghadiri Zahrani via Flickr (CC BY 2.0)

Vor einigen Tagen hat Janan Ganesh in der Financial Times einen exzellenten Beitrag über die Versuche von Großbritanniens Premierministerin Theresa May veröffentlicht, das britische System leistungsorientierter zu gestalten – oder anders gesagt: die „Aufwärtsmobilität“ zu erhöhen. Wenn man es aber mit der Aufwärtsmobilität in einer Zeit schwachen Wachstums ernst meint, so Ganesh, dann impliziert die von der oberen Mittelschicht gerne befürwortete Aufwärtsmobilität gleichzeitig eine Abwärtsmobilität für die Kinder eben dieser oberen Mittelschicht.

Allerdings ist diese Mittelschicht nicht nur unwillig, die Sache aus dieser Perspektive zu betrachten – sie tut auch alles, damit die Chancen der Unterschicht, die Söhne und Töchter der Reichen zu überholen, sehr gering bleiben. Ganesh schreibt:

„Der Raum [an der Spitze] öffnet sich kaum, weil diese mittelmäßigen Leute [gemeint sind die mittelmäßigen Söhne und Töchter der Oberschicht] zu stark von ihren Eltern geschützt werden, die Privatlehrer anheuern, kulturelle Bereicherungen einkaufen, ihnen Verhaltensregeln beibringen, Erwartungen formulieren, sich selbst als den personifizierten Erfolg darstellen, ihnen Interviewtechniken antrainieren, sie durch jedwedes bürokratisches Gewirr navigieren, ihnen Wohnungen in schönen Gegenden einrichten, über Freunde Praktika arrangieren und, nur um sie mit ihrer Überlegenheit einzureiben, ihnen direkte Geschenke in Form von Geld und Vermögenswerten machen. Es ist eine Leistung für sich, unter diesen Bedingungen zu versagen.“

Wenn wir nicht so scheinheilig wären und wirklich die Aufwärtsmobilität fördern oder allen gleiche Chancen bieten wollen würden, gäbe es dafür jede Menge politische Maßnahmen. Indem er sie auflistet – und ich füge noch einige aus dem US-Kontext hinzu – zeigt Ganesh, wie politisch undurchführbar diese wären: konfiszierende Erbschaftssteuern, kleinere Schulklassengrößen in ärmeren Vierteln, die durch die Steuergelder der Reichen finanziert werden, eine Beendigung von Steuererleichterungen für die reichsten Universitäten, moralische Appelle, dass die reichen Universitäten pro Jahr 1% ihres Reichtums an ärmere staatliche Schulen transferieren, eine Kriminalisierung der Vetternwirtschaft etc.

Aber keiner dieser Vorschläge hätte auch nur die geringste Chance, von denen akzeptiert zu werden, die momentan die politische und wirtschaftliche Macht ausüben. Das meine ich mit „scheinheilig“.

Ganeshs Artikel hat mich dazu angespornt, über etwas zu schreiben, was ich eine Weile lang für ein etwas oberflächliches Argument zugunsten der Chancengleichheit gehalten habe. Diese wird von einigen als Allheilmittel behandelt, als ein Allgemeinplatz, gegen den ja eigentlich niemand etwas haben kann, als etwas, an das ohne weitere Reflexion geglaubt werden muss. Der Begriff der Chancengleichheit ist in das Pantheon von Demokratie, Transparenz, Rechenschaftspflicht und ähnlichen Begriffen eingezogen, die wir predigen, nicht weiter beobachten und vor allem: niemals in Frage stellen.

Wenn es bei der Aufwärtsmobilität um die relative Position in einer Gesellschaft geht, dann bedeutet die Aufwärtsmobilität für einige aber gleichzeitig zwangsläufig eine Abwärtsmobilität für andere. Aber wenn diejenigen, die sich momentan an der Spitze befinden, sich in den wichtigsten Positionen der Gesellschaft eingemauert haben, wird es keine Aufwärtsmobilität geben – egal, wie sehr wir danach schreien.

Dieser positionelle (oder relative) Mobilitätsansatz ist eine sehr präzise Beschreibung von Gesellschaften, die wirtschaftlich nur langsam wachsen. Obwohl es bei der Mobilität vor allem um positionelle Vorteile geht (und diese sind per Definition fixiert) kann man dieses Defizit in Gesellschaften, die sich sehr schnell entwickeln, kompensieren, indem genügend soziale Schichten und neue Jobs geschaffen und die Leute reicher gemacht werden. Somit gibt es für den sozialen Aufstieg etwas Raum und es ist nicht zwangsläufig nötig, dass die gleiche Zahl an Menschen abwärts fällt.

Mobilität als Nullsummen-Spiel

In eher stagnierenden Gesellschaften wird die Mobilität aber zum Nullsummen-Spiel. Um in solchen Gesellschaften eine echte soziale Mobilität durchzusetzen, braucht es Revolutionen, die auf Kosten der Eliten die Chancen der unteren Schichten angleichen oder sie vielmehr dramatisch verbessern. Außerdem zerstören diese Revolutionen viele andere Dinge, darunter auch Leben, und zwar nicht nur die der Oberschicht, sondern auch die der Unterschicht (so ist es in gewisser Weise ironisch, dass die Gleichheit im Tod den Job in Sachen gleiche Lebenserwartung erledigt).

Bis Napoleon den pre-revolutionären Zustand teilweise wiederhergestellt hatte, war die Französische Revolution exakt eine solche Umwälzung: Sie unterdrückte die Oberschichten (Klerus und Adel) und förderte die Unterschichten. Die Russische Revolution tat das gleiche: Sie führte eine umgekehrte Diskriminierung der Söhne und Töchter vormaliger Kapitalisten und sogar Intellektueller beim Bildungszugang ein.

Was für einige Verfolgung und Gulag bedeutete, hieß für andere Aufwärtsmobilität

Solche Revolution, die Gesellschaften fundamental verändern und die Menschen vom unteren Rand an die Spitze heben, haben auch ein Alters-Dimension: Junge Menschen profitieren. In seiner wunderbaren Kurzgeschichte „The Wings of Our Youth“ beschrieb der russische Logiker und spätere Dissident Alexander Sinowjew die stalinistischen Säuberungen aus der Perspektive eines jungen Mannes. Die Verfolgung 40- oder 50-jähriger „Trotzkisten“ und „Saboteure“ eröffnete 20- oder 25-Jährigen plötzlich unglaubliche Aufstiegsperspektiven.

Sie konnten im besten Fall darauf hoffen, innerhalb von zehn oder 15 Jahren in Führungspositionen aufzusteigen. Auf einmal hatten sie die Leitung über hunderte Arbeiter inne, wurden zu Chef-Designern von Flugzeugen oder Top-Ingenieure bei der Metro. Was für einige Verfolgung und Gulag bedeutete, hieß für andere Aufwärtsmobilität. Oder denken Sie daran, wie alt Hitler und seine engsten Verbündeten waren, als sie an die Macht kamen: Hitler war mit 43 Jahren bei weitem der Älteste von Ihnen (Goebbels war 35, Himmler 32).

Ich bin nicht überrascht, dass in den Gesellschaften des Nahen Ostens heutzutage ähnliche Entwicklung geschehen, wo ein starker Zustrom von jungen Menschen, die nach besseren Positionen streben, auf stagnierende Volkswirtschaften und eine unnachgiebige Elite treffen. ISIS bietet dafür eine Lösung: Du kannst vielleicht nicht Chef eines Unternehmens oder Vize-Minister werden, aber du kannst ein Bataillon von 100 Selbstmordattentätern anführen.

Man kann noch weitere unangenehme Dinge über die Aufwärtsmobilität sagen. Die Osmanen förderten sie, indem sie das Janitscharen-Korps schufen: die Kinder christlicher Familien wurden im jungen Alter entführt und durch militärischen Drill zur furchterregendsten Elite-Einheit der Armee geformt. Viele von ihnen schafften es in die höchsten Positionen des Staatswesens, darunter waren Wesire oder Minister. Das ist ein wunderbares Beispiel sowohl für Aufwärtsmobilität als auch für ethnische Nicht-Diskriminierung – aber am Anfang dieses Beispiels stand das Verbrechen, Eltern ihre Kinder zu rauben.

Es ist daher nicht überraschend, dass Länder ohne solche massiven Umbrüche dazu neigen, relativ wenig positionelle Mobilität zu zeigen. Das zeigen auch zwei kürzlich erschienene Studien für Schweden und die Toskana, die die Aufwärtsmobilität untersuchten, indem sie die Namen der angesehensten Familien über mehrere Jahrhunderte verglichen. Dabei kam heraus, dass sich diese kaum verändert haben.

Ich denke, dass uns das alles zu einer sehr traurigen Schlussfolgerung führt. In Gesellschaften mit schwachem Wachstum ist die Aufwärtsmobilität durch den Mangel an Chancen und die starke Kontrolle der Eliten begrenzt, die dafür sorgen, dass ihre Kinder auch an der Spitze bleiben. Es ist entweder Selbsttäuschung oder Scheinheiligkeit zu glauben, dass Gesellschaften mit einer so einer solchen Chancenungleichheit auch nur nahe daran herankommen, wieder zu „Leistungsgesellschaften“ zu werden. Aber genauso richtig ist, dass die Aufwärtsmobilität ein ziemlich großes Preisschild mit sich herumträgt, auf dem viele verlorene Leben und zerstörter Reichtum stehen.

 

Zum Autor:

Branko Milanovic ist Professor an der City University of New York und gilt als einer der weltweit renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der Einkommensverteilung. Milanovic war lange Zeit leitender Ökonom in der Forschungsabteilung der Weltbank. Er ist Autor zahlreicher Bücher und von mehr als 40 Studien zum Thema Ungleichheit und Armut. Außerdem betreibt er den Blog Global Inequality, wo dieser Beitrag zuerst erschienen ist.