Arbeitswelt

Wir sollten uns entspannen und die Roboter lieben lernen

Die Angst vor Robotern, die menschliche Arbeit ersetzen, mag vielleicht in Mode sein – aber sie ist übertrieben. Denn die Maschinen könnten uns dabei helfen, ein gesünderes und bedeutungsvolleres Leben zu leben.

Jobkiller? Foto: Pixabay

Es gibt derzeit eine wachsenden Besorgnis vor der Robotisierung und ihrer Auswirkung auf den Arbeitsmarkt. Viele fürchten eine Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse und eine grenzenlose technologische Arbeitslosigkeit. Allerdings geben einige kürzlich erschienene Artikel Grund für Optimismus. Unsere Jobs werden demnach nicht verschwinden – allerdings werden wir weniger arbeiten können, wenn wir es denn wollen.

Louis Anslow hat eine wunderbare Timeline zusammengestellt, die demonstriert, dass die Angst der Menschen, von Maschinen ersetzt zu werden, schon mindestens ein Jahrhundert alt ist. Roboter und Automatisierungen haben schon immer menschliche Arbeit verdrängt, was auch mit erheblichem Elend verbunden war. Aber diese Entwicklungen waren nie von dauerhafter Natur oder groß genug, um die so vielfach beschworene permanente Massenarbeitslosigkeit zu verursachen – und zwar deswegen, weil die Produktionsleistung durch die Robotisierung nicht konstant gehalten, sondern ausgeweitet wird.

Denn selbst wenn menschliche Arbeit in einer bestimmten Fabrik durch Maschinen ersetzt werden kann, waren Arbeit und Kapital auf lange Sicht komplementär, weil der wachsende Produktionsausstoß wiederum mehr Arbeitskräfte absorbiert hat. Bereits frühe klassische Ökonomen wie Marx haben dieses Thema diskutiert. Dieses Mal könnte es natürlich anders laufen, aber es ist wichtig zu fragen, warum dies denn so sein sollte.

Wenn Freizeit etwas Erstrebenswertes ist, dann sollten auf lange Sicht die Arbeitsstunden zurückgehen, wenn Produktionsleistung und Einkommen steigen

Eine gesteigerte Produktionsleistung kann und sollte zu einer Reduzierung der Arbeitsstunden führen. Wenn Freizeit etwas Erstrebenswertes ist, dann sollten auf lange Sicht die Arbeitsstunden zurückgehen, wenn Produktionsleistung und Einkommen steigen. Timo Boppart und Per Krusell geben in einem kürzlich erschienenen Papier einen kurzen und interessanten länderübergreifenden Überblick des Zusammenhangs von Arbeitsstunden und Produktivität.

Sie zeigen, dass es in den meisten OECD-Ländern während der letzten 50 Jahre einen stetigen Rückgang der Arbeitsstunden gab. Die USA sind in dieser Hinsicht bemerkenswert atypisch. Sie weisen ein höheres Niveau an Arbeitsstunden auf (ungefähr 200 Stunden mehr als Deutschland oder Frankreich) und haben ein konstantes Level an Arbeitszeiten. Seit den 80er Jahren sind die Arbeitszeiten in den USA sogar etwas mehr geworden.

Somit sind makroökonomische US-Arbeitsmarkttheorien, die auf Basis von Daten aus der Nachkriegszeit erarbeitet wurden, höchstwahrscheinlich als übergeordnete Ansätze untauglich. Für die USA könnte es stimmen, dass Einkommens- und Substitutionseffekte sich gegenseitig aufheben, aber für den Rest der Welt dürfte das nicht zutreffen.

Boppart und Krusell argumentieren außerdem, dass wir selbst dann nicht in einer „arbeitsfreien“ Welt leben werden, wenn die Zahl der weltweit geleisteten Arbeitsstunden weiter zurückgeht, was gemessen an der historischen Erfahrung eine Folge des Technologie- und Produktivitätsfortschritts sein wird. Tatsächlich ist noch nicht prognostizierbar, ob die Roboter-Revolution Arbeit in makroökonomisch relevanten Größenordnungen ersetzen wird. Eine neuere Überprüfung von Okuns Gesetz (der Beziehung von Produktionsleistung und Beschäftigung) legt den Schluss nahe, dass dieses immer noch gilt. Mit anderen Worten: Die Daten zeigen keine Entkoppelung von Beschäftigungs- und Produktionswachstum an.

Sollten wir in einer Welt des Überflusses wirklich so hart arbeiten, wie wir es momentan tun?

Aber eine interessante Frage bleibt offen: Sollten wir in einer Welt des Überflusses wirklich so hart arbeiten, wie wir es momentan tun? In den USA haben sich die durchschnittlichen Reallöhne während des 20. Jahrhunderts versechsfacht, wogegen die durchschnittlich geleisteten jährlichen Arbeitsstunden nur um ein Drittel zurückgegangen und seit den 70ern sogar wieder gestiegen sind (diese Daten stammen ebenfalls aus der oben zitierten Studie von Boppart und Krusell).

In seiner zum Ende der Großen Depression verfassten anti-hegemonialen Schrift „Economic Possibilities for our Grandchildren“ vermutete John Maynard Keynes sehr optimistisch, dass die Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts womöglich nur 15 Stunden pro Woche arbeiten würden. Was Keynes richtig oder falsch prognostiziert hat, war bereits Gegenstand zahlreicher Analysen. Aber auch hier bleibt die entscheidende Frage nach wie vor unbeantwortet: Warum nehmen wir uns nicht mehr Freizeit – und können wir uns das leisten, wenn die Roboter da sind? Und können wir weniger arbeiten, das Leben mehr genießen, ohne erhebliche Einkommens- und Produktionseinbußen hinzunehmen?

Diesbezüglich hat ein verordneter kürzerer Arbeitstag im schwedischen Gothenburg eine ganze Reihe von interessanten Ergebnissen hervorgebracht. Anstatt dass die Produktionsleistung gefallen wäre, ließ sich bei kleineren Unternehmen beobachten, dass der reduzierte Arbeitstag zu weniger Fehlzeiten, einer Reduzierung der Mitarbeiterfluktuation und einem Anstieg der Produktivität führte, was ausreichend war, um die potenziellen Kosten für die Einstellung zusätzlicher Mitarbeiter zu decken. Ein Unternehmer kommentierte dies mit den Worten: „Wir haben gedacht, dass die kürzere Arbeitswoche bedeuten würde, dass wir mehr Leute einstellen müssten. Aber das mussten wir nicht, weil jeder wesentlich effizienter gearbeitet hat.“

Der Kampf um eine bessere Work-Life-Balance ist eine der zentralen Herausforderungen, vor denen unsere industrialisierten Gesellschaften stehen. Die Medien werden oftmals von dem überwältigenden Impuls verleitet, die steigende Arbeitsmarktunsicherheit in den Vordergrund zu stellen, die mit der Robotisierung einhergehen könnte. Aber eine bessere Wirtschaftsordnung kann und sollte in der Lage sein, sich weniger Arbeitsstunden, eine höhere Sicherheit und mehr Freizeit vorzustellen. Einige Forscher wie Julie Schor oder Robert Skidelsky beschäftigen sich mit diesem Thema in sehr prägnanter Weise. Die Lösungen für diese Herausforderung dürften einen politischen und vielleicht auch psychologischen Wandel erfordern, den wir bisher noch nicht ausreichend erforscht haben.

 

Zum Autor:

Arjun Jayadev ist Associate Professor an der University of Massachusetts Boston und Fakultätsmitglied der Azim Premji University.

 

Hinweis:

Dieser Beitrag ist zuerst in englischer Sprache auf der Homepage des Institute for New Economic Thinking (INET) erschienen und wurde von der Makronom-Redaktion mit Zustimmung von INET ins Deutsche übersetzt.