25 Jahre 9/11

Der Irak in ökonomischer Disparität

25 Jahre nach dem 11. September zeigt sich im Irak ein stiller Machtwechsel. Mesopotamien wird wieder einmal zum Schauplatz einer neuen geopolitischen Ordnung.

Am morgigen Freitag jährt sich der 11. September zum 25. Mal – und mit ihm der Epochenbruch, der die Welt auf verschiedensten Ebenen grundlegend veränderte. Auf die Anschläge folgte der Krieg im Irak – er entwickelte sich zum historischen Fiasko für die USA und kostete fast drei Billionen Dollar. Fernab der Öffentlichkeit verwalten die Amerikaner heute zwar die Öleinnahmen eines der rohstoffreichsten Länder der Erde in einem diskreten Fonds in New York. Es sind jedoch zunehmend die Chinesen, die die ökonomischen Geschicke des antiken Mesopotamiens und der ganzen Region bestimmen.

Peking ist mittlerweile der größte Energieimporteur der Welt und bezieht rund die Hälfte seiner Einfuhren aus dem Nahen Osten. Mehr als 1,1 Millionen Barrel irakisches Rohöl fließen pro Tag in das ostasiatische Land, China ist somit der wichtigste Handelspartner.

Während westliche Konzerne wie ExxonMobil, Shell und BP ihr Engagement im irakischen Ölsektor aufgrund von Korruption und Instabilität weitgehend beendet haben, füllen chinesische Staatskonzerne diese Lücke. Bei der Lizenzvergabe 2024 sicherten sich die Unternehmen den Großteil der vergebenen Öl- und Gasblöcke. Zudem erhielt die China National Chemical Engineering Company den Zuschlag für die Entwicklung eines der größten Raffinerieprojekte des Landes mit einer geplanten Kapazität von 300.000 Barrel Öl pro Tag.

Ostasiatische Firmen dominieren jedoch nicht nur den Energiesektor, sondern investieren massiv in Kraftwerke, Wasseraufbereitung, Wohnungsbau und Telekommunikation. Diese Aktivitäten sind eng mit der chinesischen Belt and Road Initiative verknüpft. Auch an der geplanten irakischen Development Road, die den Persischen Golf über den Irak mit der Türkei und Europa verbinden soll, zeigt China großes Interesse.

Generell etabliert das Reich der Mitte im Irak ein wirkmächtiges Modell: Durch den Kauf von Öl und die parallele Übernahme von Bau- und Infrastrukturaufträgen erweitert Peking seinen langfristigen Einfluss im Nahen Osten konsequent – ganz ohne militärische Präsenz. Bagdad versucht derzeit, die Balance zu halten: Während es wirtschaftlich die Beziehungen zu China vertieft, bleibt es in den Bereichen Sicherheit, Finanzen und Diplomatie weiterhin stark auf die USA angewiesen.

Die finanzpolitische Rolle der USA

Denn seit der Intervention von 2003 verfügen die USA über beträchtlichen Einfluss auf die irakischen Öleinnahmen, die unter amerikanischer Aufsicht in New York verwaltet werden. Diese Finanzarchitektur ermöglicht es Washington, direkten Einfluss auf die irakische Innenpolitik zu nehmen und damit die regionale Dynamik gegenüber dem Iran entscheidend zu steuern.

Der Ursprung dieses Mechanismus liegt in der Gründung des Development Fund for Iraq (DFI) im Jahr 2003 durch die damalige Besatzungsbehörde (Coalition Provisional Authority, CPA). Das Konto wurde bei der Federal Reserve Bank of New York eingerichtet. Das Primärziel war es, die Erlöse aus dem staatlichen Ölverkauf zu bündeln, Mittel für den Wiederaufbau bereitzustellen und irakische Vermögenswerte vor internationalen Pfändungsklagen aus der Ära Saddam Husseins zu schützen. Zudem sollte das System die Wechselkursstabilität des Dinars und die Versorgung des Landes mit US-Dollar-Bargeld sichern.

Nach dem Auslaufen des CPA-Mandats wurde die Struktur in Vereinbarungen zwischen der irakischen Zentralbank (Central Bank of Iraq) und der Federal Reserve fortgeführt. Da der Verkauf von Erdöl rund 90% der irakischen Staatseinnahmen generiert und in Dollar verrechnet wird, hängt die Zahlungsfähigkeit des Landes maßgeblich vom Zugang zu diesen Guthaben in New York ab. Dieser Umstand verschafft den USA eine erhebliche diplomatische und wirtschaftliche Hebelwirkung. So drohte Washington in politischen Krisen – etwa nach dem Parlamentsbeschluss zum Abzug ausländischer Truppen im Jahr 2020 – mit der Schließung des Zugangs zu den Dollarkonten, was den Irak in der Vergangenheit bereits zum Einlenken zwang.

Die Souveränität des modernen Irak ist damit von zwei Seiten unter Druck: Während China die industrielle Struktur des Landes zusehends kontrolliert, sichern die USA ihre Dominanz über monetäre Hebel in New York. Der Irak wird so zum Prototyp einer neuen regionalen Ordnung, in der Rohstoffexporte, Finanzarchitektur und reale Infrastruktur gegeneinander ausgespielt werden.

 

Zum Autor:

Sebastian Kirchner ist ein deutscher Volkswirt und langjähriges Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Er arbeitete mehrere Jahre im Bereich Global Health und in der Humanitären Logistik des THW. Als Entwicklungshelfer war er in Kambodscha und Jordanien tätig, hierüber war er Angestellter der Episkopalkirche zu Jerusalem. Er war Stipendiat des DAAD und verfolgte als Beobachter die Prozesse gegen die Roten Khmer in Phnom Penh.