Infrastruktur

Ein Pakt mit Afrika oder ein Deal für die Allianz?

Die afrikanische Infrastruktur soll mit einem Teil des riesigen Anlagevermögens westlicher Lebensversicherer und Pensionskassen finanziert werden. Die Idee klingt zunächst gut – allerdings verharmlost sie die potenziellen Nebenwirkungen und Barrieren, die einer privaten Kofinanzierung gerade dort entgegenstehen, wo in Zukunft der größte Migrationsdruck zu befürchten ist: in Afrikas Sahelzone. Eine Analyse von Helmut Reisen.

Eisenbahnbrücke in Südafrika: Schätzungen zufolge hat eine Afrika eine Investitionslücke von etwa 50 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Foto: Zen Whisk via Flickr (CC BY-ND 2.0)

In einem lesenswerten Zeit-Interview hat der renommierte Entwicklungsökonom Paul Collier angeregt, die Infrastruktur in Afrika mit einem Teil des riesigen Anlagevermögens westlicher Lebensversicherer und Pensionskassen zu finanzieren. Die Idee klingt gut, ist aber nicht neu. Und: Sie verharmlost die potenziellen Nebenwirkungen und Barrieren, die einer privaten Kofinanzierung gerade dort entgegenstehen, wo in Zukunft der größte Migrationsdruck zu befürchten ist: in Afrikas Sahelzone.

Dennoch wurde Colliers Vorschlag von Finanzminister Wolfgang Schäuble begeistert aufgegriffen. Das erstaunt nicht, denn die oft fatale Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge und die Bilanzverkürzung des Staates sind bekanntermaßen zwei wichtige Leitlinien der Politik der „Schwarzen Null“.

Und Colliers Idee ist auf den ersten Blick tatsächlich betörend. Pensionskassen, Lebensversicherer und auch Staatsfonds können geduldige Investoren sein, da ihre Passiva langfristiges (Alters-)Sparkapital darstellen. Das passt gut zur langen Anlaufzeit von Infrastrukturprojekten, die in der Regel einige Zeit brauchen, bis sie eine Rendite abwerfen. Außerdem sind die Erträge von Infrastrukturanlagen wenig mit den Erträgen anderer Anlagen korreliert; damit senken sie die Volatilität der Portefeuilles institutioneller Investoren.

Afrika hat eine gigantische Investitionslücke

Laut Schätzungen der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) wird sich das gesamte Anlagevermögen dieser Langfristinvestoren im Jahr 2020 auf ca. 100 Billionen US-Dollar belaufen. Die jährliche Investitionslücke Afrikas wird auf etwa 50 Milliarden geschätzt – es würde nur ein Prozent der jährlichen Anlagezuwächse von Pensionskassen, Lebensversicherern und Staatsfonds ausreichen, diese Lücke zu schließen.

Diese Zahlen passen wunderbar zur Bella Figura, welche die deutsche Bundesregierung als G20-Gastgeber erklärtermaßen in Richtung Afrika darstellen möchte. Allerdings macht stutzig, dass sich die G20 (und ihre Vorgänger) nicht erst seit heute darum bemühen, mehr langfristiges Privatkapital in afrikanische Infrastruktur fließen zu lassen. Die afrikanische Infrastrukturlücke wurde bereits 2005 beim G8-Gipfel in Gleneagles offizielles Thema. Beim 2013er Gipfel in Moskau hat die G20 eine permanente Arbeitsgruppe zur Identifikation der Ursachen und zur Erarbeitung von Vorschlägen zur Schließung der Finanzierungslücke mithilfe privater Finanzierung eingerichtet. Hehre Prinzipien, die „G20/OECD High-Level Principles of Long-Term Investment Financing by Institutional Investors“, wurden aufgeschrieben.

Genutzt hat es wenig:

  • Der Index der afrikanischen Infrastruktur (AIDI) stagniert seit 2010.
  • Der Anteil der Privatfinanzierung ist in den letzten Jahren von 23% (2012) auf 15% (2015) gesunken.
  • Der Anteil der von Entwicklungsbanken stimulierten Anteile am Kapitalimport stagniert in der Gruppe der afrikanischen Länder mit geringem Einkommen (weniger als 1.045 US-Dollar pro Kopf) auf einstelligem Prozentniveau.

Barrieren auf der Angebots- und Nachfrageseite erklären diese enttäuschende Bilanz. Die prudentielle Regulierung von Lebensversicherern und Pensionskassen verzerrt die Allokation von Alterssparkapital hin zu Staatsanleihen mit einwandfreier Bonität. Trotz des weit verbreiteten Wehklagens über Null- und Negativzinsen haben die institutionellen Investoren laut OECD-Daten eine jährliche Durchschnittsrendite von 3-5% erzielen können. Die steigenden Anleihen- und Aktienkurse des vergangenen Jahrzehnts haben es somit den Langfristinvestoren weitgehend erlaubt, ihre Anlagen in der Komfortzone hochliquider Wertpapiermärkte zu belassen.

Deshalb müsste die Entwicklungspolitik und die G20 einen Dialog mit den Aufsichtsbehörden (etwa der EIOPA, der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen, oder dem FSB, dem bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich angesiedelten Finanzstabilitätsrat) suchen, um Angebotshindernisse für langfristige Privatinvestitionen in die afrikanische Infrastruktur auszuräumen.

Währenddessen bleiben viele Länder Afrikas arm. Ihnen fehlen leistungsfähige heimische Finanzmärkte, und der Ibrahim-Index zur Staatsführung verzeichnet in letzter Zeit wieder mehr Verletzungen der Sicherheit und der Eigentumsrechte. Projektrisiken (Fertigstellung, Kostenkontrolle, Gebührenerlöse, Unterhaltung und Management) wiegen besonders in der Sahelzone schwer – und nicht zuletzt der Berliner Flughafen, die Elbphilharmonie oder Stuttgart 21 gezeigt, dass auch im hochentwickelten Deutschland Infrastrukturprojekte mit solchen Risiken behaftet sind. Daher sollte eine prominente Rolle des privaten Alterssparkapitals für die Finanzierung afrikanischer Infrastruktur erst dann ins Auge gefasst werden, wenn die allgemeinen und projektspezifischen Rahmenbedingungen geschaffen wurden.

Laut IWF-Analysen droht etlichen Länder Afrikas wegen der ehrgeizigen Infrastrukturprojekte erneut ein Überschuldungsproblem

Die Mischfinanzierung privater Langfristanleger mit Entwicklungsbanken hat bislang nur einen Bruchteil der Kapitalimporte in die ärmsten Länder Afrikas mobilisieren können. Niedrige Ersparnisse, schwache Staatshaushalte und eine niedrige Schuldentoleranz sprechen dagegen, gerade den Staaten Privatschulden und fiskalische Eventualverbindlichkeiten aufzudrängen, wo die Infrastrukturversorgung besonders unzureichend ist. Öffentliche Zuweisungen aus dem Entwicklungsetat und Rücküberweisungen der Migranten bleiben die verlässlichste Geldquelle vieler afrikanischer Länder. Laut IWF-Analysen droht etlichen Länder Afrikas gut ein Jahrzehnt nach dem massiven Schuldenerlass durch private und öffentliche Gläubiger wegen der ehrgeizigen Infrastrukturprojekte wieder ein Überschuldungsproblem.

Trotz dieser Warnungen wollen die miteinander konkurrierenden Entwicklungsbanken ihr Kreditvolumen ausweiten. Besonders einfallsreich hat sich neulich die International Finance Corporation (IFC), ein Mitglied der Weltbankgruppe, gezeigt. Deren Managed Co-Lending Portfolio Program (MCPP) hat es der Allianz AG erlaubt, 500 Millionen US-Dollar in Infrastrukturprojekte von Schwellenländern zu investieren.

Das Engagement der Allianz AG ist weniger riskant, da die IFC (gemeinsam mit SIDA, der schwedischen Entwicklungsbehörde) im gemeinsamen Fonds zur Infrastrukturfinanzierung eine sogenannte First Loss Absicherung eingeht, also garantiert, einen Teil der möglicherweise entstehenden Erstverluste zu übernehmen. Die Allianz erhält im Gegenzug für ihr Engagement eine Rendite von 4 bis 4,5% über dem Libor-Satz, dem Londoner Referenzzinssatz für Kreditzinsen.

Kein schlechter Deal für die Allianz AG. Bleibt zu hoffen, dass die afrikanischen Länder dies in einigen Jahren auch behaupten können.

 

Zum Autor:

Helmut Reisen war bis 2012 Forschungsdirektor am Development Center der OECD in Paris. Seitdem betreibt er die unabhängige entwicklungspolitische Beratungsfirma ShiftingWealth Consulting und den Blog Weltneuvermessung.