Fremde Federn

COP26, Erbschaften, Open-Source-Tomaten

Diese Woche unter anderem in den Fremden Federn: Was der Klimagipfel gebracht hat, wie hoch der Preis des Ausstiegs aus den fossilen Energien ist und warum Artikel im Internet Geld kosten (müssen).

Foto: Jojo Bombardo via Flickr (CC BY-ND 2.0)

In den „Fremden Federn“ stellen wir einmal pro Woche in Kooperation mit dem Kuratorendienst piqd eine Auswahl von lesenswerten journalistischen Fundstücken mit wirtschaftspolitischem Bezug zusammen. piqd versteht sich als eine „Programmzeitung für guten Journalismus“ – was relevant ist, bestimmen keine reichweitenoptimierten Algorithmen, sondern ausschließlich ausgewählte Fachjournalisten, Wissenschaftler und andere Experten.

Vermögen ohne Leistung, Leistung ohne Vermögen: Ist Erben gerecht?

piqer:
Christian Huberts

In seinem Buch »Vom Ende des Gemeinwohls« (das es aktuell für einen schmalen Groschen in der Schriftenreihe der bpb zu bestellen gibt) versucht der Wirtschaftsphilosoph Michael J. Sandel zu ergründen, warum selbst Wohlfahrtsstaaten zu meritokratischen Erklärungsmodellen und den damit verknüpften Selbstbestätigungen beziehungsweise Demütigungen tendieren. Wer Geld hat, kann sich sicher sein, es – qua Legalität des Erhalts und Besitzes – auch verdient zu haben. Wer aus welchem Grund auch immer kein Geld hat, bekommt zumindest den Lebensunterhalt gesichert – und damit auch das Scheitern an der Leistungsgesellschaft versichert.

Bei kaum einem anderen Thema wird das deutlicher als beim Erben. Die hier gepiqde ZDF-Dokumentation übertreibt es ein bisschen mit der Inszenierung – Uwe Ochsenknecht darf zur Illustration das Abziehbild eines reichen Mannes spielen –, bietet ansonsten aber viele Einblicke ins Thema und große Nähe zu realen Protagonist*innen.

Und man kann die kognitive Dissonanz der porträtierten Erben und Erblasser geradezu im Raum spüren, wenn sie auf die Vorteile des Erbens beziehungsweise den »Merit« des Vererbens angesprochen werden. Groß könne der Vorsprung gegenüber der arbeitenden Bevölkerung sicher nicht sein und schließlich tauche beim Abhängen auf Instagram ja auch noch viel unerfüllbarer Luxus auf. Ganze Lobby-Infrastrukturen widmen sich derweil – laut Dokumentation – der Betonung der Leistung hinter dem Vererben und Erben, verteidigen mit politischer Einflussnahme die steuerlichen Privilegien. Für alle Nicht-Erben, die trotz Verdienst für die Gesellschaft niemals vererbbares Vermögen werden aufbauen können, kann das – gemäß Michael J. Sandels Diagnose einer schädlichen, gesellschaftlich verfestigten Meritokratie – wohl auf Dauer nur zynisch, entmutigend und demütigend wirken.

Während der Staat bei Einkommen aus Arbeit kräftig mit kassiert, werden sehr hohe Erbschaften oft von der Steuer verschont. Von geschätzten rund 300 Milliarden Euro pro Jahr wird der Großteil fast unversteuert auf nachfolgende Generationen übertragen. Und durch die Nutzung von Freibeträgen können wohlhabende Familien schon zu Lebzeiten nach und nach hohe Werte an die Kinder weitergeben.

Was der Klimagipfel gebracht hat

piqer:
Daniela Becker

Es gab viele emotionale Momente auf dem Klimagipfel in Glasgow. Der vielleicht sichtbarste war dieser: Alok Sharma, britischer Politiker der Conservative Party, Präsident der UN-Klimakonferenz 2021, kämpft auf der Bühne mit den Tränen und entschuldigt sich über den verwässerten Text zum globalen Kohleausstieg.

Meine persönliche Meinung ist, dass es in der Klimakrise, in der wir gemeinsam stecken, am Ende auf Menschen wie Sharma ankommen wird, die empathisch auf die dramatische Lage reagieren und denen es trotzdem gelingt, diese Trauer in Kraft umzuwandeln, um weiter an Lösungen zu arbeiten.

Was also hat der Klimagipfel gebracht? Darüber gibt es mannigfaltige Texte und sehr unterschiedliche Einschätzungen. Umweltministerin Svenja Schulze nennt Beschlüsse „historisch“, Greta Thunberg und andere Aktivistinnen sprechen von „Blah, Blah, Blah“.

Wie man die Resultate der COP26 bewertet, hängt wahrscheinlich viel davon ab, wie man grundsätzlich auf die Welt blickt. Ich selbst würde sagen, es ist nicht alles schlecht. Einige wichtige Sachen wurden angeschoben, wie mein Kollege Christopher Schrader in diesem umfassenden Überblick zusammenfasst und analysiert.

Die Klimakonferenz in Glasgow hat zum ersten Mal nicht nur abstrakte Ziele, sondern konkrete Maßnahmen im Klimaschutz beschlossen – auch wenn es insgesamt und in vielen Details noch nicht reicht. Das 1,5-Grad-Ziel lebt noch, bleibt aber auf der Intensivstation, sagt ein Beobachter. Und der weltweite Kohleausstieg ist eingeläutet.

Jetzt wird es darum gehen müssen, ob den Signalen auch echte Taten folgen.

Transparenz: Ich bin Teil des Teams „Klima wandeln“ auf Riffreporter.de

Der Preis des Ausstiegs aus Öl und Gas

piqer:
Jürgen Klute

Alles hat seinen Preis. Auch der Ausstieg aus Öl und Gas, der klimapolitisch alternativlos ist. Bernhard Pötter schreibt in seinem taz-Artikel über den Preis des Ausstiegs. Der Ausstieg ist nötig und es ist gut, dass nun – endlich nach jahrzehntelanger Ignoranz – auf dem UN-Klimagipfel in Glasgow Regierungen sich dazu bereit erklären, kein Geld mehr in die Suche nach und in die Erschließung von Lagerstätten fossiler Brennstoffe zu investieren.

Pötter macht deutlich, dass damit alle ab jetzt getätigten Investitionen in fossile Energie zu einem hohen Risiko für Investoren werden. Was den Ausstieg zunehmend forcieren wird. Zum anderen verlieren die großen Förderländer von Öl und Gas damit erhebliche Teile oder sogar einen Großteil ihrer Einnahmen und ihrer staatlichen Budgets. Pötter benennt in seinem Beitrag konkrete Zahlen bezüglich der Verluste, die großen Förderländer in den kommenden Jahren durch einen klimapolitisch bedingten Ausstieg aus Öl und Gas zu erwarten haben. Das wird eine sozial-, wirtschafts- und konfliktpolitische Herausforderung – nicht nur für diese Länder. Diese Seite der klimapolitischen Wende zu benennen und in den Blick zu nehmen, ist dringend nötig.

SAP – aber brutal

piqer:
Jannis Brühl

Eigentlich ist Larry Ellison derjenige mit dem Brutalo-Image. Der Oracle-Chef hat den Ruf, vor nichts zurückzuschrecken und für den Erfolg seiner Software-Firma bis an die Grenzen des Erträglichen (und Erlaubten?) zu gehen. Aus deutscher Sicht war Oracles großer Konkurrent SAP aus Baden-Württemberg dagegen immer die Vorzeigefirma – sieht man einmal von Fußballfans ab, die Firmengründer Dietmar Hopp wegen seines Mäzenatentums für die TSG Hoffenheim hassen.

Dieser lange Spiegel-Artikel erzählt eine andere Geschichte.

Ein lange geheimes internes Rechtsgutachten gibt Einblicke in die Tricks, mit denen SAP angeblich groß wurde. Und da stockt einem der Atem. Es geht um angebliche Urheberrechtsverletzungen, Tarnfirmen und hochrangige Angestellte, die unter dem Schutz der Führung wohl jenseits des Moralischen handelten – und möglicherweise sogar illegal. Auszug:

Eine Scheinfirma, die Betrug und Spionage organisiert? Gedeckt aus der Mitte des Konzerns? Und eine Führung, die, als all das auffliegt, mit den Achseln zuckt und dieselben Leute weiter mit denselben Machenschaften betreut? Schwer vorstellbar in einem globalen Vorzeigekonzern mit all seinen Kontrollmechanismen und -abteilungen. Aber bei SAP gab es offenbar zwei Kulturen. Eine auf dem Papier. Und eine, die galt.

Ein Thriller, der ein anderes Licht auf die angeblich brave deutsche IT-Industrie wirft. Brutalos, so liest es sich, gibt es nicht nur an der Spitze von Oracle.

Open-Source-Tomaten gegen Konzernmacht

piqer:
transform Magazin

Große Agrarkonzerne verdienen ihr Geld heute mit patentiertem Saatgut, das Bauern immer wieder beim Hersteller kaufen müssen. Das schafft Abhängigkeiten, die allen schaden. Abhilfe sollen nun Samen schaffen, deren Gencode Gemeingut ist.

Heute sind global betrachtet immer mehr patentierte Pflanzen auf dem Acker. Die Hybride der Agrarkonzerne bringen nur ein Jahr lang Erträge. Warum lassen sich die Landwirte darauf ein und bauen immer mehr geschütztes Saatgut an? »Diese patentierten Pflanzen haben größere Erträge oder sind resistenter gegenüber Krankheiten. Gleichzeitig nutzen die Konzerne in vielen Ländern ihre Marktmacht. Nicht-patentiertes Saatgut ist häufig kaum zu kriegen«, sagt Lohner. Die zunehmende Marktkonzentration bewegt auch die Wissenschaftlerin Lea Kliem.

Eine Handvoll Saatguthersteller beanspruchen einen Großteil der privaten Eigentumsrechte an Saatgut und Sorten. Kliem beschäftigt sich mit der Frage, wie die Zucht neuer Sorten wieder zur Gemeinschaftsaufgabe werden kann und schaut im Gespräch mit transform auch auf den Globalen Süden: »In vielen Regionen gibt es nicht die Idee eines Patents oder Besitzes von Natur«, sagt sie.

Das Saatgut von Sunviva hingegen ist Open Source. Rechtlich gesehen wird der genetische Code der Tomate durch allgemeine Geschäftsbedingungen, also AGBs, vor einer Patentierung durch die Privatwirtschaft geschützt. Keine Firmen, Züchter oder landwirtschaftlichen Betriebe dürfen Eigentum an den Pflanzen anmelden. Das Saatgut wird so zum Allgemeingut. Jeder und jede darf es frei nutzen und weiter züchten.

Verlinkt ist die Audioversion des Textes. Hier geht es zum Onlinetext.

Warum Artikel im Netz Geld kosten – auch wenn es manche nervt

piqer:
Simon Hurtz

Jeder kennt es, niemand mag es: Man sieht einen Tweet, der neugierig macht, oder bekommt einen Link per Messenger geschickt. Dann will man den Text lesen – und stößt an eine Paywall.

Ich arbeite selbst für die SZ und andere Medien, die für immer mehr Inhalte Geld verlangen. Regelmäßig führe ich Diskussionen, ob Verlage das dürfen, ob das nicht unfair sei, ob Artikel über die Corona-Pandemie oder andere wichtige Themen nicht grundsätzlich frei lesbar sein müssten.

Andrea Pauly geht das offenbar ähnlich. Sie leitet das Audience Development beim Fränkischen Tag und baut beruflich Paywalls. In 15 Tweets versucht sie zu erklären, warum Medien ihre Inhalte nicht einfach verschenken können und auf Abonnements angewiesen sind.

Unter dem Thread hat sich unter anderem Thomas Knüwer zu Wort gemeldet:

Ihre gesamte Argumentation zeigt leider, dass die Medien keinen Schritt weiter kommen. Sie machen Ihre Probleme zu denen Ihrer Kunden und das funktionierte früher eben, weil der Medienmarkt disfunktional war.

Er verweist auf einen älteren Text von ihm, der tatsächlich einige gute Argumente enthält. Manches empfinde ich aber auch als übertrieben und allzu nörglerisch. Natürlich haben Verlage die Digitalisierung viel zu lang nicht ernst genommen und frustrierend lang gebraucht, vernünftige Bezahlmodelle zu etablieren. Doch es gibt etliche etablierte Medienmarken, die erfolgreich digitale Abos verkaufen.

Ich verstehe nicht, warum Pauly „ihre Probleme zu denen ihrer Kunden macht“, wenn sie darlegt, warum viele Verlage auf Paywalls angewiesen sind. Der Thread ist jedenfalls frei und ohne Paywall lesbar, deshalb will ich nichts vorwegnehmen. Wer nicht durch die einzelnen Tweets scrollen will, kann sich mit Threadreader behelfen.