Die Anatomie des deutschen Außenhandels

Ein Projekt von Mario Huzel und Philipp Stachelsky

Der deutsche Außenhandel gehört zu den spannendsten ökonomischen Phänomenen unserer Zeit – und sorgt regelmäßig für hitzige Debatten. Auf dieser Seite werden wir den deutschen Außenhandel in den kommenden Monaten genauer unter die Lupe nehmen.

Unsere Anatomie des deutschen Außenhandels ist in zwei Hauptkategorien aufgeteilt: In den „Key Facts“ werten wir rein deskriptiv Statistiken aus, die genauere Einblicke in die Struktur des Außenhandels ermöglichen. In den „Debatten“ tragen wir die wichtigsten Argumentationslinien zum Thema zusammen.

Das Projekt funktioniert nach dem Motto „Work in Progress“: Wir werden kontinuierlich weitere Aspekte und Fragestellungen ergänzen. Dabei greifen wir gerne auch Ihre Anregungen auf, die Sie uns unter redaktion@makronom.de zukommen lassen können.




Übersicht
Mit welchen Ländern tauscht Deutschland die meisten Waren aus?

Gemessen am gesamten Handelsvolumen (Exporte plus Importe) tauscht Deutschland inzwischen die meisten Waren mit China aus. Es folgen Frankreich, die USA, die Niederlande und Großbritannien:

Quelle: Destatis, eigene Berechnungen

Damit hat China den USA den Rang als Deutschlands wichtigster Handelspartner abgelaufen. In den letzten zehn Jahren ist das deutsche Handelsvolumen in absoluten Werten gegenüber keinem Land so stark gestiegen. Starke Zuwächse gab es auch im Handel mit Polen und den USA, wobei das Handelsvolumen mit den Vereinigten Staaten im letzten Jahr zurückgegangen ist.

Quelle: Destatis, eigene Berechnungen
Was für Waren exportiert Deutschland in welche Länder?

Die folgende Grafik zeigt die Struktur der deutschen Exporte nach Ländergruppen, einzelnen Staaten und Warengruppen, jeweils gewichtet nach ihren Anteilen: Wenn Sie auf der ersten Ebene auf eine Ländergruppe klicken, öffnet sich eine zweite Ebene, die zeigt, in welche Staaten dieser Gruppe Deutschland wie viel exportiert. Ein Klick auf die einzelnen Staaten zeigt, welche Warengruppen konkret in dieses Land exportiert werden.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen“

Die mit Abstand größte Abnehmerregion deutscher Waren ist die EU mit einem Anteil von knapp 59%. Es folgen Asien (17%), Nordamerika und die nicht zur EU gehörenden europäischen Staaten (jeweils knapp 10%). Die verbleibenden Regionen haben jeweils einen Anteil von unter 3%.

Das größte einzelne Abnehmerland sind die USA mit einem Anteil von knapp 9%, gefolgt von Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, China und Italien.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

In absoluten Werten betrachtet konnten Maschinenbau und Autoindustrie ihr Exportvolumen während des letzten Jahrzehnts am deutlichsten steigern – von einem Tiefststand von 378 Milliarden im Jahr 2009 auf fast 600 Milliarden in 2016.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

Einigermaßen erstaunlich ist jedoch, dass sich die Exportstruktur seit fast einem Jahrzehnt kaum verändert hat. Der folgende Chart zeigt den Anteil einzelner Warengruppen an den Gesamtexporten: Demnach ist lediglich der Anteil der Gruppe „Bearbeitete Waren“ seit 2008 konstant zurückgegangen (um 3 Prozentpunkte). Die Anteile der anderen Warengruppen sind seit fast einem Jahrzehnt dagegen sehr konstant.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen
Was für Waren importiert Deutschland aus welchen Ländern?

Die folgende Grafik zeigt die Struktur der deutschen Importe nach Ländergruppen, einzelnen Staaten und Warengruppen, jeweils gewichtet nach ihren Anteilen: Wenn Sie auf der ersten Ebene auf eine Ländergruppe klicken, öffnet sich eine zweite Ebene, die zeigt, aus welchen Staaten dieser Gruppe Deutschland wie viel importiert. Ein Klick auf die einzelnen Staaten zeigt, welche Warengruppen konkret aus diesem Land importiert werden.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen“

Die meisten Waren importiert Deutschland aus der EU (57%), Asien (20%) und den europäischen Ländern, die nicht Teil der EU sind (11%). Der größte Anteil der nach Deutschland eingeführten Waren  stammt aus China (knapp 10%), es folgen die Niederlande, Frankreich, die USA und Italien.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

Auch bei den Importen stieg der absolute Wert der Maschinenbau- und Autoindustrieerzeugnisse am stärksten an – von einem Tiefststand von 235 Milliarden im Jahr 2009 auf knapp 350 Milliarden im Jahr 2016. Der Import von Fertigwaren & Warenverkehrsvorgängen nahm ebenfalls deutlich zu. Auffallend ist der deutliche Rückgang der Roh- und Brennstoffe seit 2014, der auf den Einbruch der Rohstoffpreise (vor allem Mineralöl) zurückzuführen sein dürfte.

Destatis, eigene Berechnungen

Auch die Importstruktur der Warengruppen hat sich seit knapp 10 Jahren kaum verändert.  Der Anteil einzelner Warengruppen an den Gesamtexporten zeigt, dass Fertigwaren & Warenverkehrsvorgänge in den letzten Jahren am meisten an Bedeutung hinzugewonnen haben. Danach folgen Maschinen- und Fahrzeugimporte. Die Volatilität der Roh- und Brennstoffimporte dürfte auf die Volatilität der Weltmarktpreise zurückzuführen sein.

Destatis, eigene Berechnungen
Im Handel mit welchen Ländern entstehen Überschüsse bzw. Defizite?

2016 erzielte Deutschland Außenhandelsüberschüsse in Höhe von insgesamt 252 Milliarden Euro. Mehr als ein Drittel dieser Überschüsse wurden im Handel mit Großbritannien und den USA erwirtschaftet. Ein nennenswertes Außenhandelsdefizit hat Deutschland nur gegenüber China.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

Die Aufgliederung nach Warengruppen zeigt sehr deutlich, dass der hohe Überschuss in erster Linie durch den Export von Maschinen und Fahrzeugen zustande kommt. Ein wichtiger Faktor sind auch chemische Erzeugnisse. Dagegen bilden Roh- und Brennstoffe den größten Defizit-Posten. Das aus dieser Warengruppe resultierende Defizit wird jedoch seit einigen Jahren kleiner, was primär auf die fallenden Rohstoffpreise zurückzuführen sein dürfte.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

In diesem Abschnitt zeigen wir die Argumentationslinien und Positionen auf, die in der Debatte um die deutschen Überschüsse vorgebracht werden. Dabei haben wir das Ziel, möglichst viele der Argumente darzustellen – unabhängig davon, ob wir diese persönlich teilen oder nicht.

Was sind die Gründe für die deutschen Überschüsse?

Hohe Qualität „Made in Germany“

Herausragende Innovationskraft, vorbildliche Kosteneffizienz und ein führendes Preisleistungsverhältnis sind verantwortlich dafür, dass insbesondere deutsche Kraftfahrzeuge und maschinelle Erzeugnisse reißenden Absatz auf dem Weltmarkt finden. Die starke Nachfrage nach deutschen Produkten aus dem Rest der Welt ist ausschlaggebend dafür, dass der deutsche Außenhandelsüberschuss derart ausgeprägt ist – schließlich werden weder ausländische Käufer dazu gezwungen, deutsche Produkte zu erwerben, noch können inländische Käufer dazu gezwungen werden, ausländische Produkte zu kaufen. Vor allem in den Jahren nach der Gründung der Währungsunion konnte die deutsche Wirtschaft stark von der brummenden Konjunktur in den Südländern profitieren.

Importschwäche

Der Außenhandelsüberschuss hängt nicht nur von der starken Nachfrage nach deutschen Produkten ab. Es gibt zahlreiche Volkswirtschaften, deren Exportprodukte innovativ sind, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis haben und weltweit nachgefragt werden und dennoch keinen Handelsüberschuss von 8% des BIP aufweisen. Auch die inländische Gesamtnachfrage und somit die Nachfrage nach ausländischen Produkten ist entscheidend – und in Deutschland ist diese verhältnismäßig dürftig. Die entscheidende Frage muss also lauten: Wieso ist die deutsche Nachfrage nach Importen so schwach?

Antworten auf diese Frage könnten in der wachsenden Einkommensungleichheit, in der Zunahme prekärer, unsicherer und unterbezahlter Arbeitsverhältnisse sowie einer ungerechten Verteilung der Einkommen aus den Exportüberschüssen liegen. Diese Faktoren führen dazu, dass deutsche Haushalte insgesamt weniger konsumieren und, falls überhaupt möglich, mehr sparen. Die dadurch (etwas) unterkühlte Binnenkonjunktur bedeutet im Umkehrschluss, dass Firmen bei ihren Investitionsentscheidungen eher zurückhaltend agieren und angefallene Gewinne lieber ausschütten oder im Ausland investieren. Somit übersteigen die aggregierten Ersparnisse die aggregierten Investitionen bzw. bleibt im Umkehrschluss die inländische Nachfrage weit hinter der jährlichen Wertschöpfung zurück.

Die schwäbische Hausfrau

Ein gewaltiger Exportüberschuss bedeutet aus buchhalterischer Perspektive zugleich, dass in Deutschland mehr gespart als investiert und dadurch Kapital ins Ausland exportiert wird. Verschiedene Wirtschaftsakteure haben dafür verschiedene Gründe. Zum Beispiel sparen Haushalte vor dem Hintergrund des demographischen Wandels vermehrt für ihre Altersvorsorge. Unternehmen sparen, da sie bereits mit einer sehr kapitalintensiven Technologie arbeiten bzw. einen sehr hohen Kapitalbestand angehäuft haben. Der deutsche Staat verzeichnet seit geraumer Zeit ebenfalls einen Haushaltsüberschuss. Der gesamtdeutsche Überschuss an Ersparnissen muss also exportiert werden. Und da die Kapitalbilanz die Kehrseite der Leistungsbilanz darstellt, kommt es spiegelbildlich zu einem gewaltigen Leistungsbilanzüberschuss.

Lohnzurückhaltung (a. k. a. Lohndumping)

Anfang des neuen Jahrtausends galt Deutschland als „der kranke Mann Europas“. Erst die Agenda 2010-Reformen verhalfen der deutschen Wirtschaft wieder auf die Beine. Die Lohnstückkosten konnten gesenkt und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wiederhergestellt werden. Die stabilen Lohnstückkosten seit Einführung der Agenda-Reformen verhalfen der Exportindustrie zu einem Vorteil im hart umkämpften internationalen Preiswettbewerb.

Gegen dieses „Agenda 2010-Argument“ spricht allerdings, dass  die deutschen Lohnstückkosten bereits seit Mitte der 90er Jahre im Vergleich zu Deutschlands wichtigsten Handelspartnern stagnieren und die Lohnzurückhaltung somit wohl eher die Folge der Dezentralisierung von Lohnverhandlungen nach der Wiedervereinigung ist. Tarifautonomie und die Schwäche der gewerkschaftlichen Verhandlungsmacht spielen also eine entscheidende Rolle bei der Erklärung stabiler bzw. niedriger Lohnstückkosten. Hartz IV und Co. haben diese Entwicklung vielleicht intensiviert, aber nicht ausgelöst.

Ungleichgewicht zwischen Sparen und Investieren

Hinzu kommt, dass die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands eine relative Größe ist, die nur im Vergleich mit der Preisentwicklung anderer Länder eine Aussagekraft hat. Und diese hängt auch davon ab, wie groß das Ungleichgewicht zwischen Sparen und Investieren in Deutschland ist. Denn Ersparnisse, die in Deutschland nicht investiert werden, suchen schließlich im Ausland nach gewinnbringenden Anlagemöglichkeiten – mit zum Teil „verheerenden“ Folgen für das Preisniveau, zum Beispiel in den südeuropäischen Ländern.

Der Euro

Die außergewöhnliche Nachfrage nach deutschen Produkten müsste eigentlich dazu führen, dass die deutsche Währung nominal aufwertet. Ein höherer Wechselkurs würde die Exportnachfrage dämpfen und die Importnachfrage steigern, so dass ein automatischer Ausgleich der Handelsbilanz stattfinden könnte. Allerdings ist Deutschland ein Mitglied des Euroraums, wodurch dieser Anpassungsmechanismus unterdrückt wird. Hinzu kommt, dass der Kurs des Euro in letzter Zeit eher ab- als aufgewertet hat und somit deutsche Produkte in Ländern außerhalb der Eurozone immer billiger werden.

Andererseits müssten sich im Fall eines anhaltend stark unterbewerteten Wechselkurses deutliche Preissteigerungstendenzen (vor allem der Kerninflationsrate) in Deutschland beobachten lassen, was seit geraumer Zeit aber nicht der Fall ist. Zudem ist der deutsche Export sehr stark auf importierte Zwischengüter angewiesen, die bei einem unterbewerteten Wechselkurs die Kosten für die Produktion von Exportgütern in die Höhe treiben würden.

Hinzu kommt die Tatsache, dass der Wechselkursmechanismus vor allem dann eine bedeutende Rolle spielt, wenn es sich bei den Export- und Importprodukten um sehr preissensible Produkte handelt. Bei den deutschen Exportprodukten handelt es sich aber größtenteils um Investitionsgüter und andere langlebige Kapitalgüter, bei denen die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend von den nicht-preislichen Eigenschaften der Güter abhängt. Es gibt also gute Argumente die dafürsprechen, dass der nominale Wechselkurs eher eine untergeordnete Rolle spielt.

Verschiebung von Arbeit zu Kapital

Anders sieht es beim realen Wechselkurs aus. Eigentlich müssten anhaltende Außenhandelsüberschüsse dazu führen, dass das Preisniveau in Deutschland unter Druck gerät und sich somit der reale Wechselkurs anpasst. Dass dies in Deutschland nicht geschieht, ist Ausdruck der gesamtgesellschaftlichen Gewichtsverschiebung von Arbeit zu Kapital. Die dadurch etwas unterkühlte inländische Nachfrage hat nicht nur zur Folge, dass wenig aus dem Ausland nachgefragt wird, sondern auch, dass zu wenig nicht-handelbare Güter in Deutschland nachgefragt werden – mit negativen Folgen für den Arbeitsmarkt und das Preisniveau.

Sind die deutschen Überschüsse überhaupt ein Problem?

Die Antwort auf die Frage, ob die deutschen Überschüsse ein Problem darstellen, hängt im Wesentlichen davon ab, wie man die einzelnen Gründe zur Entstehung des Außenhandelsüberschusses gewichtet.

Einerseits scheint ein kurzer Blick in die Daten die Überzeugung zu bestätigen, dass es sich bei dem außergewöhnlich hohen deutschen Exportüberschuss vornehmlich um einen „Niveaueffekt“ handelt: Dabei handelt es sich um einzelne Jahre, in denen das Exportvolumen deutlich stärker zugenommen hat als das Importvolumen, während die übrigen Jahre jedoch keinen eindeutigen Trend aufweisen. In Deutschland waren in dieser Hinsicht vor allem die Jahre 2000, 2001 und 2002 von entscheidender Bedeutung.

Kurz nach der Einführung der Gemeinschaftswährung steckte Deutschland in einer tiefen Rezession, während die südlichen Euroländer zu einem konjunkturellen Höhenflug ansetzten. Exporte und Importe koppelten sich in der Folge ab und blieben, mit Ausnahme der Krisenjahre 2008/09 (und 2014), seither verhältnismäßig konstant. Aus dieser Perspektive spielen vornehmlich unterschiedlich verlaufende Konjunkturzyklen und die jeweiligen Präferenzen der beteiligten Wirtschaftssubjekte eine entscheidende Rolle bei der Erklärung des deutschen Außenhandelsungleichgewichts. Folglich sind die sich daraus ergebenden hohen Kapitalexporte – die Gegenposition zu den hohen Exportüberschüssen – vornehmlich als eine natürliche Folge historischer Entwicklungen sowie der demografischen Gesellschaftsstruktur Deutschlands zu verstehen. Problematisch wäre das nicht unbedingt.

Andererseits könnte man auch argumentieren, dass das anhaltende Ungleichgewicht zwischen Exporten und Importen vornehmlich die Konsequenz einer unterkühlten Binnenkonjunktur ist. Auch hier sprechen die Daten für sich. Die nach der Wiedervereinigung einsetzende Lohnzurückhaltung, der ausbleibende Preisdruck trotz anhaltender Außenhandelsüberschüsse und die in den letzten Jahren stattgefundene Gewichtsverschiebung von Arbeit zu Kapital deuten tatsächlich auf eine strukturelle Schwäche der deutschen Wirtschaft hin.

Das ist problematisch, weil die deutsche Wirtschaft somit hinter ihren Produktionsmöglichkeiten bleibt, zu wenig in die Zukunft investiert und weniger Menschen Arbeit bietet, als dies unter voller Auslastung möglich wäre. Hinzu kommt, dass die dadurch entstehenden deutschen Überschussersparnisse als Kapitalströme ins Ausland fließen, mit Teils unangenehmen Folgen für die Empfängerländer. Schließlich lässt sich die Entstehung der Eurokrise auch auf die Asymmetrie intereuropäischer Kapitalströme zurückführen.

Zudem haben die permanenten Exportüberschüsse zur Folge, dass sich die Defizitländer fortwährend verschulden müssen, um ihr Außenhandelsdefizit finanzieren zu können. Auch dies ist problematisch, da das auf Dauer nicht möglich ist bzw. irgendwann die Handelsbilanz der Defizitländer (bei Finanzierungsengpässen wie in der Eurokrise) plötzlich und abrupt ausgeglichen werden muss. Das kann zu einer starken realwirtschaftlichen Kontraktion führen und eventuell auch eine Finanzkrise auslösen (oder umgekehrt).

Problematisch sind die Überschüsse also nicht nur aus Perspektive der deutschen Wirtschaft, sondern auch für die Empfängerländer der deutschen Kapitalströme und die Industrien jener Länder, aus denen Deutschland seine Importe bezieht.

Wie könnten die Überschüsse abgebaut werden?

Höhere Wettbewerbsfähigkeit anderer Länder

Da die Import- und Exportnachfragen die jeweiligen Präferenzen der beteiligten Wirtschaftssubjekte ausdrücken, können die deutschen Außenhandelsüberschüsse nur abgebaut werden, wenn sich deutsche Waren hinsichtlich des Preis-Leistungs-Verhältnisses verschlechtern und/oder andere Länder den deutschen Produkten den Rang ablaufen. Eine gesteigerte Binnendynamik innerhalb Deutschlands könnte diesen Anpassungsprozess über eine Aufwertung des realen Wechselkurses unterstützen und zugleich zusätzlichen Menschen in Deutschland eine Arbeit bieten.

Verteilungspolitik und Lohnsteigerungen

Die Verteilungspolitik könnte beispielsweise durch höhere Spitzensteuersätze und eine geringe Abgabenlast bei Geringverdienern die in den letzten zwei Jahrzehnten erfolgte Gewichtsverschiebung von Arbeit zu Kapital korrigieren. So könnte die Binnenwirtschaft angekurbelt werden, was neben der Anpassung des realen Wechselkurses auch höhere Importe zur Folge haben dürfte.

(Europäische) Fiskalpolitik

Der Außenhandelsüberschuss ist auch die Folge einer unvollständigen Währungsunion. Damit eine Währungsunion im Interesse aller Mitgliedsländer funktioniert, müssen generell drei Bedingungen erfüllt werden: Die Freiheit von Güter-, Kapital- und Arbeitsströmen muss gewährleistet werden. Die Konjunkturzyklen der einzelnen Länder sollten synchronisiert verlaufen, damit die EZB eine für alle Mitgliedsländer adäquate Geldpolitik verfolgen kann. Ein Ausgleichsmechanismus sollte implementiert werden, der konjunkturelle Divergenzen gezielt adressieren kann.

Vor allem die Abwesenheit eines funktionierenden Ausgleichsmechanismus in der Eurozone hat das Problem der Außenhandelsungleichgewichte verschärft. Eine gezielte Fiskalpolitik auf gesamteuropäischer Ebene könnte asynchrone Kapitalströme ausgleichen und das Problem divergierender Konjunkturzyklen in Angriff nehmen.

Sie haben weitere Argumente, die wir in diese Übersicht aufnehmen sollten? Dann schreiben Sie uns an redaktion@makronom.de

Angepasste Warensystematik

Für einige unserer Darstellungen, in denen es um die Aufschlüsselung des Außenhandels nach Warengruppen geht, verwenden wir eine modifizierte Variante der von der UN entwickelten Standard International Trade Classification (SITC). Die SITC beinhaltet im Original die folgenden Warengruppen:

SITC-0: Lebende Tiere und Nahrungsmittel
SITC-1: Getränke und Tabak
SITC-2: Rohstoffe (ausgen. Nahrungsm. u.mineral. Brennst.)
SITC-3: Mineral. Brennstoffe, Schmiermittel u.verw.Erzeug.
SITC-4: Tierische und pflanzliche Öle, Fette und Wachse
SITC-5: Chemische Erzeugnisse
SITC-6: Bearbeit. Waren, vorwieg.n.Beschaffenheit geglied.
SITC-7: Maschinenbauerzeugn.,elektrotechn.Erzeugn.u.Fahrz.
SITC-8: Verschiedene Fertigwaren
SITC-9: Waren und Warenverkehrsvorgänge

Zur besseren Visualisierung haben wir einige dieser Gruppen zusammengefasst und umbenannt. Wir haben darauf geachtet, nur Gruppen „wegzurationalisieren“, deren Anteil an den deutschen Gesamtexporten und -Importen bei höchstens um die 1% liegt. Hier die von uns zusammengefassten Warengruppen:

0 + 1 + 4 = „Lebensmittel“
2 + 3 = „Roh- und Brennstoffe“
5 = „Chemische Erzeugnisse“
6 = „Bearbeite Waren“
7 = „Maschinen und Fahrzeuge“
8 + 9 = „Fertigwaren & Warenverkehrsvorgänge“